Der leuchtende Pfad im Flusse
Ein altes Schloss, bis auf seine vier Grundmauern zusammen gebrochen, liegt im Aargauer Dorfe Auenstein am Rande der vorbeiströmenden Aare. Hier wohnte in ältester Zeit die freie Königin des Landes. Der Bruder und sein hochmüthiges Gesinde hassten sie; sie merkte einen Anschlag gegen ihr Leben und flüchtete sich noch nachts aus dem Schlosse an den Strom herab. Allein der Ferge und sein Schiff war nirgends zu finden. Verfolgt und gedrängt wollte sie lieber freiwillig den Tod nehmen, als dem bösen Bruder in die Hände fallen; sie lief stromauf den gefährlichen Bergpfad zum Nachbarschlosse Biberstein und stürzte, noch ehe sie es erreichte, von den steilen Klippen in den reissenden Strom. Doch dieser verschlang die Königin nicht, sondern gewährte ihr einen sichern Weg, und so ging sie jene Nacht mitten in der Aare und dann dem Rhein fort bis in die Pfalz von Basel. Noch sieht der Fromme die Fussstapfen der Königin auf den Wellen der Aare in mildem Glanze strahlen.
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch