Die Entstehung der reichen Quelle bei Disentis
Es lagen da vor viel hundert Jahren Christen und Heiden in schweren Kämpfen. Die letzteren waren vom Bodensee heraufgekommen und hatten das Gotteshaus Disentis geplündert und gar viel Unheil angerichtet an den Quellen des Rheines. Die waffenfähigen Männer der Hochgebirge hatten sich indessen gesammelt und fielen wie eine Lawine von ihren Bergen auf die mit Beute beladenen, zurückkehrenden Fremden. Im Thalkessel von Disla (Disentis) waren sie handgemein geworden, aber ehe die Sonne unterging, erlagen die hässlichen Heiden den wuchtigen Fäusten der Alpensöhne oder flohen, von panischem Schrecken ergriffen, bestimmungslos in die Weite. Als aber die Söhne des Landes auf den Walplatz zurückkehrten, ergriff sie, die von des Tages Werk Ermüdeten, ein quälender Durst; allein es war weit und breit kein Wasser zu schauen. Des erbarmte sich der greise Anführer, gewaltig im Kampfe, wie fromm im Gebete. Er erhob sein Auge gen Himmel und senkte sein mächtiges Schlachtschwert in die Erde, dass ein armdicker Wasserschwall hoch in die Lüfte schoss, an dem sich die ermatteten Krieger laben konnten.
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch