Die Schlüsselblümchen am Karfreitage
Vor mehr als hundert Jahren kam an einem Tanzsonntage nach Unter-Ehrendingen im Aargau ein wunderschönes, sittsames, niemanden bekanntes Mädchen auf den Tanzboden und forderte einen bescheidenen, unschuldigen Jüngling zum Tanze auf, was dieser erröthend annahm. Er tanzte selig mit ihr, so hold war sie und so süss redete sie. Bei Anbruch der Abenddämmerung äusserte sie den Wunsch, heimzugehen und bat um die Begleitung des Jünglings. Er liess sie ungern, gab aber nach und begleitete sie. Aber statt auf Ober-Ehrendingen zu führte sie ihn ans sogenannte Steinböckli, eine kleine kahle Heide, mit einem Berglein. Als sie am Fusse des letztern anlangten, stand sie still und eröffnete ihm, in dies Berglein sei sie zu grossen Schätzen verwünscht, dürfe nur von Zeit zu Zeit hervor unter die Menschen, könne auch nur von einem reinen Jüngling erlöst werden, wenn er den Muth habe, ihr zwischen zwei feurigen Drachen hindurch, den Hütern jener Schätze, zu folgen. Habe er jetzt diesen Muth nicht, so möge er am nächsten Karfreitage früh bei Sonnenaufgang auf die rechte Seite des Bergleins gehen, wo er ein Häufchen Schlüsselblumen und sie selbst, deren Hüterin, antreffen werde. Sie werde selbe an jenem Tage dort sonnen, dürfe ihn dann nicht anreden, wohl aber ihm antworten; er solle keck das Gespräch anheben, von den Blümchen pflücken und dann thun, was sie ihn heissen werde. Und siehe, plötzlich öffnete sich das Berglein und innen in der goldglänzenden Höhle lagen die zwei feuersprühenden Drachen und erhoben sich furchtbar drohend, als sie den Fremdling erblickten. Die Jungfrau schritt in den Berg, aber der scheue Jüngling folgte ihr nicht und der Eingang schloss sich unvermerkt und war nimmer zu sehen.
Traurig kehrte der Jüngling heim, sagte keinem Menschen von seinem Abenteuer, dachte Tag und Nacht an die Maid und erschien am Karfreitage am bezeichneten Orte. Da lag ein Häufchen gepflückter Schlüsselblümchen in der Morgensonne und obenauf sass die Jungfrau, einen Schlüsselbund an der Seite, den Jüngling innig anschauend. Ihr Blick aber verwirrte ihn so, dass er sich nicht getraute, sie anzureden. Nur ein Schlüsselblümchen hob er auf und eilte verwirrt heim zu. Auf dem Wege gewahrte er, dass das Blümchen ein hellglänzendes Goldstück war. Andere, denen er davon sagte, suchten vergebens nach den Blumen und dem Eingange; aber ein armer, braver Ehrendinger, der sich dort ein Hüttchen baute, pflanzte, im Vertrauen auf das "Heidewibli" Reben, die den beliebten "Heidenwibli-Wi" liefern, und die kühle Quelle, welche die Jungfrau hervorsprudeln liess, heisst noch das "Heidewibbrünneli."
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch