Mutabor Märchenstiftung

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Das dreibeinige Ross in Sitten

Land: Schweiz
Kanton: Wallis
Kategorie: Sage

Vor vielen, vielen Jahren wurde um die Mitternachtsstunde die Ruhe der Bewohner der Stadt Sitten sehr oft gestört. Ein dreibeiniges Ross und noch obendrein nur mit einem grossen Auge mitten auf der Stirne, zog unter klingendem Geschell und klappernden Hufschlägen die Strassen und Gassen der Stadt auf und ab und hin und her. Am ärgsten trieb es den Spuk auf der grossen Brücke. Diese war bekanntlich beim Rathhause für die Kreuzgasse vom Schlossplatze herunter ziemlich breit angelegt, um das rechte und linke Ufer der Sitte miteinander zu verbinden. In der übrigen Stadt führten nur schmale Holzbrücken über den Fluss; darum hiess, wie noch jetzt, die Brücke beim Rathhause die grosse.

Als nun eines Abends das dreibeinige Ross es wieder ärger machte als gewöhnlich, fasste ein Wagehals, des Lärmens überdrüssig, den Entschluss, hinaus zu gehen und zu versuchen, ob das lästige Ross zum Reiten auch tauge. Aller Abmahnungen ungeachtet wagte er sich heraus und zu ihm heran. Der Verwegene ward willig aufgenommen und munter Strasse auf- und abgetragen. Das war ein herrliches Fahren. Aber das unheimliche Ross wurde immer grösser und stieg mit dem Reiter sichtlich in die Höhe. Als es gross und hoch genug war, lenkte es unerwartet schnell in die Kirchgasse ein und drückte denselben so unsanft an den obern Bogen, dass er am Morgen zerquetscht und wie eine Bettdecke auf dem Boden ausgespreitet gefunden wurde. Seither stört das dreibeinige Ross in der Stadt Sitten die nächtliche Ruhe nicht mehr.

H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch