Unfreiwilliger Ritt
Ist schon mancher durch die Klus nach Balsthal gereist oder von Balsthal durch die Klus nach Oensingen, aber doch nicht so, wie der, den ich meine. Ein Gäuer Bursche diente als Hausknecht in Balsthal und war herzhaft, wie es viele junge Männer sind, wenn Frieden im Lande ist. Daher liess sich's Lukas nicht nehmen, auch mitzuhalten, wenn die ledigen Knaben von Balsthal nach Laupersdorf oder St. Wolfgang streiften, um nach alter Uebung den Kiltstuben nachzuziehen. Einmal aber auf dem Heimwege von St. Wolfgang war es finster, wie in einem Ofenrohr und es trat einer da dem Freunde auf die Ferse, stolperte der andere dort über einen Markstein. Ein Trupp kräftiger Ackergäule aber, die nach altem Weiderecht im Freien die erquickende Sommernacht zubrachten, tummelten sich auf der nahen Wiese herum. Lukas, des Tappens im Finstern müde, will bald daheim sein. Er erkennt das nächste Pferd am frohen Wiehern als des Dorfwirths "Mutti", lockt mit Schmeichelworten den frommen Gaul und schwingt sich, den Kameraden gute Nacht wünschend, auf des willigen Thieres Rücken. Erst gehts in sanftem Trabe dorfwärts; allmälig wird der Hufschlag leiser, immer leiser und bald schweben Ross und Reiter hoch über Baum und Dachfirst, und tief herauf aus des Kirchleins engen Fenstern blickt dem kühnen Reiter der matte Schein des ewigen Lichts entgegen. Bange Schauer treiben ihm kalten Schweiss aus den Poren, der Angstruf stockt ihm auf der Zunge; laukalte Westluft kömmt ihm mit der Kraft von Bergbachsstürzen entgegen und doch ist alles so still; auch nicht der Laut von eines Käferleins doppeltem Flügelschlag unterbricht die furchtbare Nachtruhe. Schlaff hängen an ihm die bleiernen Glieder und frei segelt das Geisterpferd und ungelenkt südwärts durch den klaffenden Einschnitt des Berges, die Klus. Wohl hundert Klafter hoch über der Erde, dicht vor den trüben Fenstern des Schlosses Falkenstein vorüber, geht es. Mit Entsetzen sieht Lukas durch die kleinen Scheiben beim fahlen Oellicht den Schreiber des Landvogts am Pulte sitzen. Er bemisst das Grässliche seiner Luftfahrt und erkennt die Teufelstücke des Rappen, der unter ihm mit steigender Hast dahinsegelt. Irrlichter huschen auf den vom Dünnernflüsschen bespülten Matten und endlich ertönt aus angstvoll zusammen geschnürter Kehle der Schrei: "Jesus Maria!" Es war Lukas, der so rief. Plötzlich verschwinden unter ihm Ross und Zügel; hoch aus der Luft herab fällt der halbtodt geschreckte Reiter, dass ihm schaurig die Luft im Barthaar kitzelt und wie von einer Höllenmaschine geschleudert, fährt er unweit Oensingen in einen dichten Dornbusch nieder. — Später, als er wieder zu Athem gekommen, erzählte er nicht ungern den schrecklichen Ritt.
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch