Mutabor Märchenstiftung

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Der Kirchenbau

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Kategorie: Sage

Wohl jedem Fremden muss es auffallen, wenn er die romantischen Triften und Alpengelände von Reichenbach durchwandelt, die Kirche in einer so merklichen Tiefe, statt auf einer der zahlreich herumliegenden Anhöhen zu finden. Eine Sage, die jedem dort wohnenden Landmann bekannt ist, möchte das Räthsel lösen.

Nachdem Reichenbach von Aeschi getrennt wurde und nun eine eigene Gemeinde bilden sollte, musste auch eine Kirche erbaut werden, mit deren Plan man aufs eifrigste sich beschäftigte. Es wurde beschlossen, dieselbe auf einer nahen Anhöhe, der Schärüte genannt, zu bauen. Bald war alles in Thätigkeit und lustig wimmelte es oben von emsigen Arbeitern. Aber als schon der Grund gelegt war und einige Mauern den Umriss der Kirche zeigten, erstaunte man, als in einer Nacht die angefangene Arbeit ganz zerstört und dem Boden eben dalag. Niemand wusste sich dieses erst zu erklären; allein man kam bald auf den Gedanken, dass da ein böser Geist spuke. Indessen liess man sich darüber nicht abschrecken, und der mühsame Kirchbau wurde von neuem angefangen. Wie erstaunte man noch mehr, als auch diesmal das angefangene Werk an einem Morgen zerstört gefunden wurde, und noch mehr, da man zur Sicherheit drei Mann als Wacht aufgestellt hatte, die aber weder etwas gesehen noch gehört haben wollten. Auf gleiche Weise soll es noch einmal geschehen sein. Man sah nun ein, dass nicht der rechte Ort gewählt worden sei, und um diesen zu erfahren, habe man zwei Stiere aneinander gebunden und diese dann in einer Nacht frei gehen lassen. Wo nun die Stiere am Morgen gefunden wurden, da sollte die Kirche gebaut werden. Zum Erstaunen aller sollen sie mitten in einem Erlengebüsch neben dem vorbeirauschenden Reichenbach liegend gefunden worden sein, wo dann die Kirche wirklich gebaut wurde und noch heute dasteht.

H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882. 

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