Der verzauberte Fuchs
Ein junger Mann ging einst Holz hauen. Da, mitten im Walde, erblickt er einen Fuchs; und wie er leisen Schrittes lauernd näher herzukömmt, bemerkt er mit Erstaunen, dass derselbe mit einem Stricke an einen Baum festgebunden ist. Schnell, mit erhobener Axt, eilt er hinzu; aber wie er den Blick zielend fester auf das Thier wirft, sieht er dasselbe mit so wunderbar tiefen, schönen Augen ihn um Erbarmen flehend anschauen, dass er die Waffe sinken lässt, den Strick entzweischneidet, und dem Gefangenen die Freiheit gibt.
Nicht lange darauf treibt er Vieh zum Verkauf an den Luganer Markt. Nach wohl vollbrachtem Geschäfte fröhlich zurückkehrend, geht er in einem Misoxer Dorfe ins Wirthshaus und lässt sich ein reichliches Mahl, das ihm die hübsche, junge Wirthin austrägt, wohl schmecken. Als er die Zeche bezahlen will, weigert sie sich, etwas anzunehmen. "Erinnert ihr euch nicht mehr," fragt sie den Verwunderten, "des Fuchses, dem ihr im Walde das Leben schenktet? Gut, das war ich selber, verzaubert." "Bei Gott," rief der Jüngling, "hab' ich doch die ganze Zeit mich fast zu Tode besonnen, wo ich eure hübschen Augen schon gesehen habe, so wunderbar bekannt waren sie mir."
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch