Der dreibeinige Hase in Ober-Büren
Im Oberdorf zu Büren im Frickthale trieb sich ein dreibeiniger Hase herum, der in vielen Ställen allerlei Unfug und Unglück anrichtete, und nicht selten Unerfahrene neckte. Am hellen Tage sah ihn einst ein Wagner, und warf eine Eisenstange die er gerade in Händen hatte, nach ihm; allein im selben Augenblick rief ihm ein Nachbar zu: "Lass diesen Hasen um Gotteswillen gehen, sonst begegnet dir ein Unglück, der hat schon gar manchen getäuscht und verführt." Der Wagner suchte umsonst nachher seine Eisenstange, sie war nirgends mehr zu finden.
Ein rüstiger Bursche von Büren ging eines Morgens auf die Wiese, um im Tagelohn zu mähen. Es war etwa vier Uhr, als er in die Gegend kam, wo der Hase sich gerne aufhielt. Sogleich kam dieser auf ihn zu, allein der junge Mann nahm seine Sense ab der Schulter und schlug nach dem kampflustigen Thiere; dieser sprang lustig in die Höhe, und über die Sense und floh. Kaum hatte der Bursche einige Schritte weiter gethan, so stellte sich ihm der Hase von neuem entgegen. Wiederum nahm jener Zuflucht zu seiner Sense, so dass das Unthier sich endlich entfernte und verschwand. Allein im gleichen Augenblicke erhob sich ein schreckliches Getöse und Krachen, als ob das ganze Gansingerthal wie durch ein Erdbeben geschüttelt zusammenfallen wollte, und als der junge Mann auf die Wiese kam, konnte er mit seiner Sense keinen Schnitt thun, sie war stumpf und verdorben. Jetzt erst fiel es ihm auf, dass dem Hasen das linke Bein gefehlt hatte.
Das Thier verleugnete aber auch ganz seine Natur, indem es sich keck und unerschrocken mitten unter die Menschen wagte. Als einst in der Ledergasse zu Gansingen — denn dieser Ort hatte früher noch seine ziemlich besuchten Jahrmärkte — ein Knabe gestorben war, kamen nach damaliger Sitte alle Bekannten und Verwandten im Hause des Verstorbenen zusammen, um da für seine Seelenruhe zu beten. Es war aber gerade Sommerszeit und deswegen verrichteten die Leute ihre Gebete im Freien; während sie also im andächtigen Beten begriffen waren, sprang der Hase mitten unter sie. Natürlich hatte das Beten für einstweilen ein Ende, indem jedermann sich mit dem Hasen beschäftigte und die Unterhaltung einen ganz andern Charakter annahm. Der Hase jedoch eilte schadenfroh davon vor das Haus einer Nachbarin, welche gerade vor der Wohnung sass, schritt langsam auf sie zu, machte das Männchen und verschwand so plötzlich und geräuschvoll, als ob die Erde mit Getöse sich aufgethan, und er in sie hinein geschloffen wäre.
Als einst österreichische Soldaten in Gansingen und Büren einquartiert waren, kamen zwei Soldaten mit zwei Hunden von Gansingen herauf, eben als ein dreibeiniger Hase aus einem Stalle herauskam. Sogleich gingen die Hunde auf den Hasen los, welcher sich kühn zur Gegenwehr stellte. Die Thiere balgten und bissen sich eine Zeit lang herum, bis der Hase plötzlich verschwand, ohne dass die Männer, welche zuschauten, begreifen konnten, wohin er gekommen. Das Merkwürdigste dabei aber war, dass die Hunde nach so langem Kampfe doch ganz unverletzt blieben.
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch