Die Hasenfrauen
Noch ist in Bremgarten ein Weib in Erinnerung, das man dorten unter dem Namen der alten Siegristin kannte und das zugleich eine Hasenfrau gewesen ist. Sie wusste die schmackhaftesten Brotkuchen und Zwiebelwähen zu backen. Während sie die Eier dazu schon in die Pfanne geschlagen, den Teig zum Einschiessen in den Ofen schon fertig hatte, fuhr sie in ihrer Backmulde auf dem Reussflusse erst noch bis ins Nachbarstädtchen Mellingen, andere sagen, bis nach Basel hinab, um da die grössten Zwiebeln einzukaufen und auf ihre Schmalzkuchen zu streuen. Während man sie aber zu Mellingen entfernt vermuthete, konnte man sie doch gleichzeitig in ihrer Wohnstube wirthschaften und schelten hören, und ihrem Manne, der ein schlimmer Wirthshausläufer war, geschah es denn öfters, dass sie ihn unvermuthet in der Schenke überraschte und mit dem brennenden Ofenscheit heim trieb. In Gestalt eines stets an gleichen Waldstellen gaukelnden Hasen neckte sie den herrschaftlichen Jäger und besonders den Ehrenkaplan; allein statt des wohlgetroffenen Hasen vermochten die Schützen nichts anderes am Platze zu finden, als eines Weibes Haarschnur. Die Hasenfrau hatte sich also mittelst der Schnur in die Gestalt jenes Hasen gebunden gehabt, wie man sich mittelst eines Wolfsriemen Währwolfsgestalt anzaubert.
Einst wiederholte die Siegristin auch jenen Wettlauf, den das Märchen vom Schweinigel und Hasen erzählt. Zwei Bremgarter Bürger waren auf dem Marsche nach Luzern begriffen. als sie in den Waldungen des Frauenklosters Hermetschwyl auf die Alte trafen. Auch sie sei gerade auf der Reise nach Luzern, äusserte sie, aber einer Vergesslichkeit wegen müsse sie noch einmal in ihr Haus zurück, hoffe jedoch, gleichzeitig mit den beiden am Orte eintreffen zu können. Der Weg nach Luzern beträgt einen Tagmarsch und dazu der Umweg der Frau ein paar Stunden. Als nun die beiden Männer gegen Abend zum Stadtthor hineinschritten, kam ihnen wirklich die Alte bereits vom Seeufer her entgegen, wie einer, der seine Geschäfte am Orte zu Ende gebracht hat, grüsste höhnisch und schritt durchs Thor hinaus auf Bremgarten zu. So war sie also im Stande, mittelst des Wunschgürtels sich in Thiergestalt zu verzaubern, und fuhr im Backtrog bis Basel, oder lief in die Wette bis Luzern, ohne dass mittlerweile daheim ihr Brot kalt wurde.
Der Abt von Einsiedeln war im aargauischen Frauenkloster Fahr erschienen, das noch unlängst unter seiner Inspektion stand. Ueber Tisch erzählte ihm der Klosterbeichtvater von einem Hasen, der allen Jägern der Umgegend in den Schuss laufe und gleichwohl noch nie habe getroffen werden können. Der Abt entschloss sich alsbald zu einem Jagdgang, aber als ein gelehrter Herr lud er die Flinte vorher mit etwas Gesegnetem. Denn wenn der Osterkohlen vom Osterfeuer, am Karfreitag am Kirchhof angezündet, im Flintenkolben mit sich trägt, so kann ihm die Begegnung der Hasenfrau keinen Schaden thun. Draussen am Stand erschien ein übergrosser Hase, neckte und hänselte; ein Schuss und er lag todt. Da sie heimkamen, war im ersten Hause beim Kloster grosser Lärmen; denn in dem Augenblicke, da der Schuss gefallen war, war hier ein Weib todt umgesunken, das bei den Leuten die Hasenfrau geheissen hatte. Man hatte grosse Mühe, dem Abte diesen Unfall zu verbergen.
Im aargauischen Dorfe Hettenschwyl waren einem Bauern die Schweine öfters erkrankt, ohne dass sich ein Grund dafür entdecken liess; doch geschah es wiederholt, dass wenn der Bauer nachts noch nach den Ställen sah, dann ein Hase davon wegsprang. Letzteres beachtete er nicht, doch liess er alle Schweine auf einmal abschlachten. Dies geschah im Winter, da eben die Berggegend tief eingeschneit war. Während der Metzger an seiner Arbeit stand, kam ein Weib, das man in der Umgegend für eine Hexe hielt, vom benachbarten Dorfe Leuggern her, scheinbar aus der Frühmesse, um in ihren Berghof zu gehen, gerade hier am Hause vorüber. Sobald sie aber aus der Ferne sah, was hier vorging, schlug sie einen unbegreiflichen Weg ein; sie stieg die steilen Halden, die ohnedies jedem unwegsam sind und damals mannshoch verschneit lagen, schnurgerade hinan und verschwand droben vor aller Augen.
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch