Mutabor Märchenstiftung

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Die weissagenden Vögelein

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Kategorie: Sage

Die rätischen Volkssagen erzählen viel von Drachen, Lindwürmern und Basilisken. Nicht nur dieses Fabelthier, auch mancherlei Vögel, wie der Kuckuck, die Schwalbe, der Hahn und desgleichen Katzen, Hase und andere sind Gegenstand der dichtenden Volkssage. Nach dem Volksglauben können sich Hexen in Katzen und Ziegen verwandeln; Schwalben bringen Glück ins Haus, ein über den Weg laufender Hase weissagt Unheil u.s.w. Wir finden in solchen Sagen den Glauben an wundersam heimliche Beziehungen des Menschenlebens zum übrigen Naturleben und namentlich zur Thierwelt. Schon im Alterthum und im Mittelalter war dieser Glaube unter vielen Völkern verbreitet. Wer den wenigen Sagen lauscht, welche im Munde des italienischen Völkleins am Fusse des Bernina leben, findet diesen Glauben in folgender Erzählung vom prophezeienden Vögelein.

Vor mehr denn hundert Jahren lebte im Thale von Brusio, zwischen dem Puschlaversee und der alten Grenzfeste Plattamala, in einem isolierten Hause eine habliche Witwe mit ihrer einzigen Tochter. Beide trugen schon seit drei Jahren Trauerkleider. Der treue Hausvater war von einem von der Berghalde herabrollenden Steine erschlagen worden. Drei- und vierhundertjährige Kastanienbäume entzogen mit ihrem reichen Blätterschmucke die einsame Wohnung dem neugierigen Blicke des Wanderers. Im Garten an der Südseite des Hauses erquickten oft schon im Februar die wunderschönen Blüten der Aprikosen- und Pfirsichbäume das Auge, und von einem dreissig Fuss hohen Feigenbaume konnten im August und November süsse Früchte gepflückt werden. Zu den Stubenfenstern herein winkten im Herbste blaue Weintrauben, während an den auf das Hausdach herabhängenden Aesten die Kastanien lachten. Auf den schuldenfreien Wiesen des seligen Lorenzo, so hiess der brave Familienvater, dessen thätigem Leben der Stein ein frühes Ende gemacht, wuchs für drei Kühe Winterung. Auf den Aeckern, welche schon seit langer Zeit die Familie mit Brot versehen, wurde im Juli trefflicher Roggen geschnitten und sogleich wieder Heidenkorn gesäet, das nach wenigen Wochen schon geerntet werden konnte, und, wie bei den Israeliten im gelobten Lande, auf dem freien Felde ausgedroschen wurde.

Martha und Luzia, so hiessen Mutter und Tochter im einsamen Hause, würden sich besonders im Herbste, wenn ihre Tröge mit Früchten aller Art angefüllt und aus dem Ueberflusse viele blanke Thaler gelöst waren, glücklich gefühlt und an den langen Winterabenden fröhlich die Spindel gedreht haben, wenn sie nur den lieben Vater, welcher aus Rota's Handbuch den Morgen- und Abendsegen so salbungsvoll vorzulesen pflegte, im Winkel hinter dem Tische und an noch so manch anderm heimeligen Plätzlein nicht vermisst hätten. Wie manche heisse Thräne floss über ihre Wangen, wenn ihr Blick sich zur Halde emporrichtete, von welcher der verhängnissvolle Stein heruntersprang! Die Hoffnung des Wiedersehens in einer bessern Welt träufelte jedoch kühlenden Balsam in die Wunden ihres Herzens.

Eines Abends, es war im August, trugen Mutter und Tochter den Backtrog in die schmucklose, aber reinliche Stube. Neben dem Ofen standen schon zwei grosse, lederne Säcke voll Roggenmehl. Es sollte am folgenden Tage nach der uralten Sitte des Thales, die sich in manchen Familien bis auf den heutigen Tag erhalten hat, Brot für ein halbes Jahr gebacken werden. Während Martha den Sauerteig unter das Mehl mengte, gedachte sie der Worte Jesu vom Sauerteig des Himmelreiches. Darum las Luzia noch ein Kapitel aus dem Neuen Testament. Die guten Leute hatten in der Schule sehr wenig gelernt. Um so treuer hatten sie sich das lebendige und lebendig machende Wort Gottes angeeignet.

Am folgenden Morgen waren Mutter und Tochter früh auf den Beinen. Die rothtannenen Scheiter spretzelten lustig im Backofen und der Teig wurde mit starkem Arme geknetet. Martha und Luzia kannten nämlich den Kaffee nur vom Hörensagen; dagegen hatten sie schon manchen Pokal Veltliner getrunken, der damals noch Landwein hiess. Es war ein schwüler Tag. Kein Sonnenstrahl drang durch die dunkeln Wölkchen. Der sonst so blendend weisse Bernina war in einen schwarzen Mantel eingehüllt. Es dunkelte immer mehr. "Gott sei uns gnädig!" sagte die Mutter, indem sie von dem mühsamen Kneten ausruhte. "Nicht umsonst pflegt meine gute Grossmutter zu sagen, im August sei es nicht genug, täglich nur einmal sich der Gnade des Herrn zu empfehlen. Der Gevatter Statthalter, dessen Vater und Grossvater alles ausgeschrieben haben, was in diesem Thale sich zugetragen hat, sagte mir noch vor kurzer Zeit, der August sei der Unglücksmonat, in welchem der Fluss und die Rufen die Erntehoffnungen des Landmannes so oft vereiteln."

Martha hatte noch nicht völlig ausgesprochen, als vor dem Stubenfenster ein kleines Vögelein eine gar wehmüthige Melodie anstimmte. "Da haben wir die Unglückspropheten," rief die sichtbar erschrockene Frau, indem sie das Vögelein verscheuchte. "Aengstiget euch nicht ohne Ursache, liebe Mutter," sagte liebreich zurechtweisend Luzia. "Der Trentapes hat schon oft seine Stimme vor dem Fenster hören lassen, ohne dass uns deshalb ein Unglück begegnete. Wie sollte ein Vogel die Zukunft kennen, welche uns Menschen verborgen ist! Unser Heiland hat ja gesagt: Seid ihr nicht viel mehr als die Vögel?" "Es kommt auf den Ton an," erwiderte Martha. "Die Kirchenglocken hatten einen ganz andern Ton, da sie dem seligen Lorenzo zu Grabe läuteten, als an dem Tage unserer Hochzeit. Gerade so verhält es sich auch mit dem Gesange des Trentapes. Oft trillert das Thierchen sein Liedlein so fröhlich, dass es das Herz erfreut. Diesen Morgen kamen aber so klagende Trauertöne aus seiner kleinen Kehle, wie vor drei Jahren vor dem Unglückstage, an welchem der treue Lorenzo todt ins Haus getragen wurde. Darum ahne ich auch jetzt eine schwere Heimsuchung."

Der verscheuchte Zaunkönig, der, weil er kaum drei Quintchen wiegt, den Spitznamen Trentapes, d.h. Dreihundertpfünder, erhalten hat, liess sich neuerdings hören. Auch Luzia fand diesmal die Töne wehmüthig, nahm sich aber, das heftig pochende Herz der Mutter gewahrend, zusammen und sagte einige Bibelsprüche von Schutz und Schirm des Allmächtigen. Inzwischen war der Ofen heiss geworden und das Brot musste eingeschossen werden. Bald nachher erfüllte der Duft des trefflich gebackenen Roggenbrotes das ganze Haus. Besonders lieblich anzuschauen waren diejenigen Laibe, in welche die Hausfrau Eier gethan hatte.

Der Tag des Brotbackens war in Brusio ein Freudentag. Nachdem man ein halbes Jahr hartes Brot geknackt hatte, freute man sich der frischen, wohlduftenden Brotlaibe. Heute konnte aber in Marthas Hause die Freude nicht zu ihrem Rechte kommen. So oft es eine kleine Ruhezeit gab, kam Martha immer wieder mit ihren bangen Ahnungen. Es war ihr, als klänge noch immer der Gesang des Zaunkönigs in ihren Ohren. "Wir haben übel gethan," sagte sie, "an einem Freitage ein so wichtiges Geschäft vorzunehmen, wie das Brotbacken ist; überdies steht der heutige Tag auch unter den in meinem Kalender angezeichneten siebenundzwanzig Unglückstagen des Jahres. In Zukunft werde ich die alten Bräuche strenger beobachten."

Es war schon spät am Nachmittage, als plötzlich das Haus von heftigen Donnerschlägen erzitterte. Luzia, die eben das letzte Brot aus dem Ofen zog, liess vor Schrecken einen Laib von der Schaufel fallen. Ein fürchterliches Ungewitter, das schon seit ein paar Stunden in Puschlav gewüthet, ist im Anzuge. Das Vögelein erscheint noch einmal. Aengstlich flattert es vor dem Küchenfenster hin und her, und klagt so laut, als wenn jemand ihm die Jungen rauben wollte. "Ich verstehe deine Sprache, gutes Thierchen," sagte Martha, "du rufst: fliehet! fliehet! du hast uns schon am Morgen gewarnt, aber wir klebten wie Loths Weib, zu sehr am Irdischen und beherzigten deine Warnung nicht. Jetzt ist es zu spät, denn schon fällt der Regen in Strömen aus den schwarzen Wolken, schon höre ich die Wildkühe in allen Töbeln brüllen und Steine von den Höhen stürzen mit furchtbarem Krachen. Die Flucht ist zu spät, jeder Schritt würde uns dem Todesengel in die Arme führen. Bei der Brücke hat der schon vom gestrigen Platzregen stark angeschwollene Poschiavino unfehlbar die Strasse überschwemmt und auf der obern Seite wird die Strasse von den schmutzigen Wogen des Gaggiabaches angefüllt sein. Es ist kein Ausweg mehr vorhanden. Ueberdies ist es ja plötzlich so stockdunkel geworden, dass man nicht wüsste, wohin man tappe. Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen. Wir sind verloren, wenn uns der Herr nicht wunderbar errettet aus der grossen Gefahr. Vor dem Poschiavino sind wir wohl sicher; aber die Schlucht da droben, wo der gewinnsüchtige Priester vor Jahren den schützenden Wald an den Abhängen zerstörte, wird Verderben ausspeien. Horch! schon kracht es in der Höhe; die Rüfe ist losgebrochen; sie muss rechts oder links ausbrechen, weil ihr Bett noch vom vorigen Jahre her mit Felsblöcken und Schutt angefüllt ist. Das Krachen nimmt von Sekunde zu Sekunde zu; die Rüfe ist wirklich auf unserer Seite ausgebrochen! Die Felsblöcke zerknicken schon Kastanien- und Nussbäume! Gott sei uns gnädig!"

Während Martha also spricht, beginnt der Boden zu zittern. Mutter und Tochter eilen aus der Küche in die Stube, werfen sich auf die Kniee und beten abwechselnd: "Allmächtiger Gott, der du überschwenglich thun kannst über alles, was wir bitten und verstehen, erbarme dich unser! Schicke deine Engel, dass sie eine Wagenburg und einen festen Wall um uns herum machen! Beschirme uns unter dem Schatten deiner Flügel! Lenke mit deiner allmächtigen Hand die Sprünge der Felsblöcke, dass sie unser Haus nicht anrühren! Sei du unser mächtiger Schild, o Herr, und behüte uns wie dein Augapfel! Ist es möglich, so errette uns aus dieser Gefahr; doch nicht unser, sondern dein Wille geschehe, heiliger Gott! Was du thust, das ist wohlgethan!" Also beten die beiden Seelen in ihrer Angst, während draussen die verheerende Rüfe alles niedermacht und nur das Haus stehen lässt. Die ganze Nacht kam kein süsser Schlummer in die müden Augen.

Als der Morgen graute, trat Martha ans Fenster. Welche Verwüstung! Schlamm, Steine, wovon manche die Grösse eines Stubenofens hatten, entwurzelte und zersplitterte Bäume lagen in einem schauerlichen Chaos rings um das Haus aufgehäuft fast bis zu den Stubenfenstern. Die wohlhabende Witwe, nach deren einzigen Tochter fast alle Jünglinge der Gemeinde schielten, war über Nacht arm geworden. Mit thränenden Augen betrachtete sie das Grab ihres irdischen Glückes. Während jedoch die ersten Strahlen der Morgensonne ihr sagten, der Gott, welcher im Ungewitter seinen Ernst geoffenbart, sei wieder freundlich, fiel auch ein Strahl der göttlichen Gnade in ihr betrübtes Herz. Davon erleuchtet, sagte sie: "Nicht klagen, sondern danken sollte ich dem Herrn für unsere wunderbare Rettung." In dem Augenblicke begann der Zaunkönig vor dem Hause zu singen. "Es ist ein Dankpsalm," sagte die Mutter zur Tochter, "wir wollen einstimmen!"

Durch kindliches Gebet gestärkt, untersuchte dann Martha den Umfang der Verheerung und gelangte zur schmerzlichen Ueberzeugung, dass an keine Urbanisierung des in eine Stein - und Sandwüste verwandelten Heimwesens mehr zu denken sei, und deshalb auch das Haus, in dem der treue Lorenzo und seine Väter so lange glücklich gelebt haben, verlassen werden müsse. Martha folgte also der Einladung ihres alten, weiter oben im Thale wohnenden Vaters, mit der Tochter zu ihm zu kommen. "Ich besitze noch einen köstlichen Schatz," sagte sie, als sie mit der grossen Hausbibel im Vaterhause  anlangte. Und der Grossvater sagte zu Luzia: "Wenn du unschuldig und tugendhaft bleibst, wie bisher, so bist du noch reich genug."

H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch