Der Falkenfriedhof
Mit dem alten Sennen auf dem Blasen waren die Ulricher nicht mehr zufrieden und dingten einen jungen aus dem Bernbiet, der sich tüchtig zu stellen wusste. Als der Berner Senne auf die Alp kam, war er heiterer Dinge und jodelte nach Herzenslust. Aber es scheint, dass sein Frohmuth einen Fehler hatte; er kam nicht aus reinem Gewissen. Der Senne ward krank und lag auf dem Sterbebett. Auf die Frage, wo er begraben werden wolle, antwortete er: "Nirgends anders, als auf der schönen Ebene auf Mellingen." Man staunte, dass der Senne für sein Grab keine geweihte Erde haben wollte; doch mochte man seinem letzten Willen nicht widersprechen. Sobald er das Zeitliche verlassen hatte, begrub man ihn an der bezeichneten Stelle. Aber wie düster sollte sein Grab werden! Alsogleich flog eine Menge von Falken herbei, die fort und fort das Grab umkreisten und ein wildes, grausenhaftes Geschrei erhoben. Die Hirten, die dieses sahen und hörten, geriethen in Schrecken, und das Grab des leichtsinnigen Sennen wird bis auf den heutigen Tag der "Falkenfriedhof" genannt.
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch