Das Ungeheuer im Lüscher See
In einem kleinen Thälchen auf dem Heinzenbergergrate liegt der kleine Alpsee Lüsch; er ist von Heidekraut und Alpenrosen bekränzten Hügeln umgeben. Dieser kleine See ist in seiner lieblichen Umgebung ein Bild der Ruhe. Vor einem nahen Ungewitter aber, noch ehe schwarze Wolken den Himmel rings umnachten und der Föhn sich wilder erhebt und grausam pfeift, werfen die eigenthümlich geformten Bodengestaltungen einen Wiederhall zurück, der fernem Brüllen ähnlich ist und weithin gehört wird. Da sagen die Heinzenberger und Savier: "Der Lüschersee brüllt!" hängen die Sense auf und tragen das Heu halb dürr in die Scheune. Von ihm geht die Sage:
Zur Zeit, da die Hirten mit den stolzen Burgherren und Raubrittern um ihre Freiheit kämpften, weideten friedlich gesinnte Bauern ihre Kühe auf dem saftigen Rasen am Lüschersee und hatten ihre Freude am Treiben und harmlosen Ringen ihrer Herde.
Aber oben auf der Höhe stand ein Trupp Domleschger Burgherren, die von der Steinbocksjagd kehrten; die schauten hernieder auf Hirten und Herde, und es kam ihnen in den Sinn, an denen ihren Muthwillen anszuüben. Sie überfielen mit rohem Geschrei die wehrlosen Hirten, sprengten sogar mit Lanze und Schwert die armen Kühe in den See und der verschlang bald und erbarmungslos die zum Tode verwundeten Opfer. Die Bauern sahen mit Wehmuth ihre Habe versinken; in ihr Wehklagen mischte sich das Hohngelächter der rohen Sippe.
Das ächzende Brüllen der Thiere war kaum verstummt, als plötzlich der See anfing, unruhig zu werden, die Wasserfläche seltsam und gewaltig sich zu bewegen begann, wild aufrauschte und aus dem weissen Schaum ein grauenerregendes Ungeheuer ans Ufer sich wälzte. Diese grässliche Erscheinung hatte die Gestalt eines ungeheuern Kuhbauches ("Butasch cun ilgs"), um und um dicht besetzt von tausend und tausend grossen Augen, die unbeweglich alle auf nur einen Punkt gerichtet, ein entsetzenerregendes, Mark und Bein schmelzendes Feuer sprühten.
Von dem höllischen Blicke festgebannt, konnten die Frevler nicht entfliehen, und einer nach dem andern wurde von dem Ungeheuer, das sich auf sie zuwälzte, erdrückt. Die zu Tode erschrockenen Hirten aber blieben verschont und sahen, wie das Ungeheuer ans schaumbedeckte Ufer zurückrollte und in die tobenden Wellen des brüllenden Sees sich senkte, die über ihm zusammenschlugen, und der See wieder ruhig wurde, wie er es zuvor gewesen.
Seit diesem Gottesgerichte lebt die schauerliche Sage vom "Butatsch cun ilgs" im Munde des Heinzerberger Volkes fort, und alle hundert Jahre soll der See sein Ungethüm wiedergeben in Schrecken von zerstörenden Naturereignissen, welche die schöne, fruchtbare Halde verwüsten.
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch