Der Lindwurm auf der Seebergalp
Wer vom Diemtigenthal hinüber wandert ins Simmenthal und nicht den Grimmipass benutzt, der geht hinter dem einsamen Bergdörflein Zwischenflüh rechts ab, steigt dem Narrenbach entlang hinauf bis auf die Höhe der Muntigenalp, zieht sich südwestlich über die Einsenkung zwischen dem Niederhorn und dem Röthihorn und erreicht den Thalboden des Simmenthales bei dem Dörfchen Manried in der Nähe der alten Burg Mannenberg und des Fleckchens Zweisimmen. Gar sonnig und freundlich liegen die braunen Häuser von Manried mitten unter grünen Bäumen am Fuss eines steilen Bergabhanges zerstreut. Darüber hält ein dichter Wald von Tannen treulich Wache, dass die Felsstücke, welche sich in der Höhe oft ablösen, nicht ins Dorf hinunterrollen und in die Tiefe stürzen. So hätten denn, sollte man meinen, die Bewohner jenes Hirtendorfes von den Gefahren einer rauhen Gebirgsnatur nichts zu befürchten. Aber etwas anderes ist es, was sie beunruhigt und bedroht: es ist der Lindwurm auf der Seebergalp.
Südlich von der genannten Muntigenalp hoch über Manried zieht sich nämlich gegen das Röthihorn und den Chumigalm der Seeberg hinan, eine fruchtbare Alp, so genannt nach einem kleinen, blauen See, der sich dort befindet. Abgeschieden von aller Welt, selten von Menschen aufgesucht, vom Vieh möglichst gemieden, spiegelt dieses Seelein still für sich die Schönheiten des Himmels und der umstehenden Berge wieder. Wer je es sieht, ist entzückt von seiner verborgenen Lieblichkeit und seinem Frieden. Es ist gegen die rauhen Bergwinde wohl geschützt und deshalb immer ruhig, klar und wellenlos.
Von Zeit zu Zeit aber, wenn weit und breit kein Lüftlein sich regt, fängt es in der Mitte an aufzuwallen. Das Wasser hebt sich, die ganze Oberfläche geräth in Bewegung, und immer mächtiger wogt es und braust und schäumt aus der Tiefe herauf, als ob die Quellen der Unterwelt sich aufthäten und ihre Wasser aussprudelten. Dazu lässt sich unten auf dem Grund ein dumpfes, wüstes Brummen hören, ein Schnaufen und Stöhnen und Gurgeln, das, je höher das Wasser schwillt, um so lauter und schrecklicher wird. Da fliehen die in der Nähe weidenden Kühe unter wildem Gebrüll, und die Hirtenbuben rennen erschrocken hintendrein.
Denn es haust seit alten Zeiten in der Tiefe des Sees ein grimmiger Drache, ein Wurm, wie die Leute dort ihn nennen. Dieses Ungethüm, das alles, was ihm in die Nähe kommt, erbarmungslos verschlingt, kann oben nicht hinaus und findet zudem dort nur wenig Nahrung; darum gräbt es sich vom Boden des Sees immer tiefer in den Berg hinein, um sich so nach unten einen freien Ausgang zu schaffen. Schon hat es den Berg bis auf eine kleine Strecke durchhöhlt. Oft aber kriecht es aus seinem unterirdischen Verstecke hervor und kommt bis an die Oberfläche des Wassers, um neue Kraft zu seinem Werke zu schöpfen; da wühlt es denn keuchend und brummend den ganzen See auf und trübt sein klares Gewässer. Bald aber senkt es sich wieder auf den Grund und bohrt sich mit doppelter Wucht in den Berg hinein. Es braucht nur, dass ein Erdbeben oder ein heftiges Ungewitter die Flühe in ihren Grundfesten erschüttere, so bricht es durch. Dann wehe dem unten liegenden Dörflein. In jähem Sprung wird es sich darauf hinabstürzen, weder Wald noch Schutzmauern werden es hindern können; es wird alles verwüsten und verschlingen — Manried wird untergehen.
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch