Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Der Dreihundertjährige am Strichenberg

Land: Schweiz
Kanton: Aargau
Kategorie: Sage

Der Grethans zu Wölfliswyl befand sich, da man vor Jahren einmal im Gemeinwerke den Strichenberg abholzte, ganz allein auf der Höbe dieses einsamen Waldberges und hieb sich das ihm zukommende Theil Reiswellen und Stauden. Da kam aus einer unwegsamen Waldlücke heraus ein Mann zu ihm getreten in völlig rother Tracht. Ein rothes Wollenhemd reichte ihm über die Hüfte, er trug rothe Stumpfhosen und rothe Strümpfe, Rinkenschuhe mit fingerbreiten, funkelnden Messingschnallen und auf dem Kopfe einen Dreispitz. Ein solcher Hut, den man mittelst Schnüren in eine dreischnäuzige Form aufbinden, gegen den Regen aber als Schlapphut breit auseinander schlagen kann, war vor alten Zeiten einmal hier herum allerdings üblich gewesen, aber zum Aussehen dieses Mannes passte er gar nicht, der, wenn er zum Uebrigen noch ein rothes Käppchen getragen hätte, ganz einem stattlichen Schützenzeiger glich. Der Grethans besann sich eben, von welchem Scheibenschiessen doch wohl der in diese weglose Gegend herkommen könnte; da begann der Rothe und sprach, indem er das Thal drunten überblickte: "Vor dreihundert Jahren hättest du wahrlich auch nicht so allein hier Holz gefällt!" Der Grethans dachte bei sich, also auch wieder so ein Faulenzer, der zu jeglicher Arbeit einen Gesellschafter haben muss; und nicht einmal einen guten Tag bietet er dir, und duzt dich schon im ersten Augenblick! Er antwortete ihm daher wie einer, der dem Fopper das gleiche Wort mit Nachdruck zurückgibt und sagte: "Freilich hätte ich vor dreihundert Jahren weder ganz allein, noch in grosser Gesellschaft, noch auch mit dir mein Brennholz hier hauen können, weil wir vor dreihundert Jahren ja alle zusammen noch nicht auf der Welt gewesen sind, ausgenommen vielleicht dein Hut da."

"Das ist gar nicht die Ursache," sagte der Rothe begütigend; "sondern weder ein Mann einzeln, noch viele Männer zusammen würden sich damals hier heraus gewagt haben, so viele Wölfe gab es hier herum. Und dein Dorf Wölfliswyl bekam ja von ihnen seinen Namen damals vor dreihundert Jahren."

"Das ist aber dann doch nur die Schuld der damaligen Leute gewesen," erwiderte Grethans; "sie werden eben auch wie du lieber auf das Schützenfest als auf die gefährliche Wolfsjagd gelaufen sein. Hätten sie die Wölfe nur brav zusammen gepulvert!"

"Zusammengespiesst, musst du sagen," unterbrach ihn der Rothe; "denn in seinem ganzen Hause hatte der Bauer keinen Schuss Pulver vor dreihundert Jahren. Da drunten auf dem Platze in Oberhof, den Ihr jetzt auf der Hofstatt nennt, hat der Erste gewohnt, und ausgebälgte Wölfe hingen so viele ringsum unter seinem Dachrande, dass er mehr Stroh, als jetzt auf euerm Felde steht, nur in die Wölfsbälge allein hinein zu schoppen hatte vor dreihundert Jahren. Aber jetzt ist eben überhaupt nicht mehr der dreifache Ertrag an Frucht und Obst vorhanden wie vor dreihundert Jahren. Sobald im Frühlinge der Oerkenbach gross wurde, schwamm er voll Schwarzkirschen, und im Herbste lag er so voller Aepfel, Zwetschgen und Nüsse, dass meine Base ihre Herbstwäsche statt im Bache, hier oben beim Heidenbrünnlein hielt; dann wurde allemal der ganze Strichenberg schneeweiss, wenn ihrer Schwester Tochter die Bett- und Tischtücher zum Trocknen aufhing vor dreihundert Jahren."

"Das muss aber schlechte Wirthschaft gewesen sein," erwiderte ihm der Grethans. "Da hätten sie doch Schnaps draus brennen sollen und Kirschwasser, anstatt es den Bach hinab schwimmen zu lassen, das viele schöne Obst!"

"Es ist gleichwohl auch nicht verloren gegangen," sagte der Rothe; "denn die Schweine haben sich herrlich mit gemästet, und trieb sie der Vetter einmal auf den Markt nach Basel, so warens ihrer so viele geworden, dass er mit den letzten noch nicht im Frickerthore stand, wenn die vordersten schon zum Mülhauserthore wieder hinausgezogen. Seht, da kommen die Rothen, riefen alsdann die Basler Metzger und bezahlten sie ihm wannenweise mit Brabanterthalern und saumweise mit Elsasserwein, wie er süss und herrlich gerathen ist vor dreihundert Jahren."

Jetzt wusste der Grethans nichts mehr zu erwidern, aber er dachte sich: mach' dich einmal fort, du Aufschneider! als der Rothe, ohne Abschied zu nehmen, sich kehrte und in der Richtung nach Oberhof bergab ging. Was für einen Weg will er denn da machen über Stauden und Stämme, über Stock und Stein? Denn dorten über die bolzgerade Felsenwand hinunter ist wohl auch vor dreihundert Jahren noch keine Klaue und kein Fuss gekommen! so sagte Grethans bei sich selbst, sprang ein paar Schritte weit nach und schaute und staunte. Unaufgehalten schritt der Rothe ohne Weg und Steg geradeaus über die senkrechte Kluft und jenseits in den Wald hinein, als ob er die dichte Wand der Tannenbäume niedertreten könnte. Der Grethans nahm schnell zum Beten seine Zuflucht, um des Grauens Herr zu werden. Des Rothen immerwährendes Wort wurde ihm plötzlich befremdend deutlich, er wusste nun, was es auf sich hatte, allein gewesen zu sein auf dem Strichenberg vor dreihundert Jahren.

H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch