Der Hirt auf dem Moléson
Ein Hirt auf dem Moleson erzählt im Jahre 1832: "Ich bestiege eines Tages im Spätherbste den Berg, um Gemsen aufzulauern. Die Nacht rückte heran, ohne dass ich was geschossen hatte, und ich musste in einem Stafel auf der Seite von Villars- sous-Mont übernachten, welchen ich seit mehreren Wochen unbewohnt wusste. Desto eher war ich erstaunt, als ich näher trat, drinnen die bekannten Laute der Kuhglocken und Menschenstimmen zu vernehmen. Ich öffnete die Stafelthüre und erblickte mit Verwunderung in der Küche Wesen um das Feuer, wie ich sie nie gesehen: der eine lahm, der andere halb blind, der dritte vorn und hinten bucklich, der vierte aussätzig. Ihre Gesichtsfarbe war dunkelgelb und runzlich wie altes Schreibleder, und jedem fehlte der Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand. Ihre mir völlig unverständliche Sprache glich dem Lärmen von Elstern. Sie sahen mich schief an, gaben mir aber ein Zeichen, mich auf einen Klotz neben dem Herde zu setzen. Ich that es, hielt jedoch meinen geladenen Stutzen zwischen den Füssen. Ohne meiner weiter zu achten, setzten sie ihre Sennenarbeit fort, kochten erst Käse, dann Nahscheid, wovon schon mehrere Laibe im Boden sich auf einem Brete befanden. Der Buckliche reichte mir harten, dünnen Zwieback und ein Stück Rindfleisch, das ich aber, so hungrig ich war, so zäh und unschmackhaft fand, dass ich halblaut sagte: "Da ist das Salz vergessen." Bei diesen Worten knirschten die Männer und schleuderten Blicke auf mich, als wollten sie mich mit Haut und Haaren verzehren. Ich machte in Angst das Kreuzzeichen und sah plötzlich alles verschwunden und mich in tiefem Dunkel allein. Am Morgen erwachte ich matt vor Hunger auf gelöschten Kohlen, der Käse war ein Stein, der Nahscheid getrockneter Mörtel, der Zwieback ein Stück Schindel. Daheim angekommen, vernahm ich, die Nacht sei unserer schönen Spiegelkuh ein Stück Fleisch aus dem Leibe geschnitten worden, ohne dass Fremde im Stalle geschlafen hätten."
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch