Der entführte Senne
Auf der Alp Greina war ein Senne, welcher sich an einem regnerischen Abende zu den jungen Kühen auf den "Sattel" begab, um ihnen das nöthige Salz zu geben. Obgleich er längst wusste, dass die Nachtschar über diesen "Sattel" ihren gewohnten Zug hatte, und es ohnehin spät an der Tageszeit war, zog er guten Muthes hin. Auf der Höhe des Bergrückens vernahm er aber in seiner Nähe ein unheimliches Getöne und seltsames Geräusche, und von einer unsichtbaren Macht ergriffen, wurde er nicht weit vom Boden durch die Luft in ein ganz entlegenes Alpenthal entführt, das ihm ganz unbekannt war. In diesem Thale irrte er wohl die halbe Nacht umher, ohne einen Ausweg zu finden. Endlich fing er an zu schreien; aber niemand hörte ihn oder gab ihm Antwort.
Die andern Sennen in der Hütte hörten vom Dache herunter eine klägliche Stimme, die um Hilfe rief, und machten sich, da ihr Genosse noch nicht zurückgekehrt, auf, ihn zu suchen, fanden ihn aber nirgends, bis der Vermisste nach anderthalb Tagen hungrig und ganz zerfetzt und zerschlagen in der Hütte ankam, wo er seine Abenteuer erzählte.
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch