Die Nixe des Hüttensees
In dem zürcherischen Dorfe Hütten lebte einmal ein schöner Jüngling mit dunklem Haar, aber hellen blauen Augen und frischem Mund. Er war der schönste und beste Knabe weit und breit und wo er auf der Kilbe (Kirchweihe) erschien, wünschte ihn jedes Mädchen zum Tänzer für den Abend und noch lieber zum Gatten für das ganze Leben. Der Jüngling aber achtete der schönsten und reichsten Mädchen nicht; ernst und gleichgültig wechselte er Tänzerin um Tänzerin. Die Nixe im Hüttensee war ihm im Traume erschienen und so schön wie sie, war keines der Mädchen der Gegend; sie liebte er, die er doch niemals zu sehen und zu gewinnen hoffte. So oft er konnte, warf er sich in sein aus einem mächtigen Eichenstamm gezimmertes Schiffchen und ruderte auf dem kleinen Gewässer hin und her.
Als er einmal so das Boot auf dem glatten Spiegel hintreiben liess, ergriff er plötzlich eine weisse Rose, welche er an seiner Brust trug, und warf sie als Liebespfand in den See. Da theilten sich die Wellen in der Nähe des Bootes und ein schönes Mädchen im leichten grünlichen Gewande der Nixen stieg empor. Es öffnete die Arme und rief mit der wohllautendsten Stimme: "Komm hinab zur Braut in die Flut!" Freudig sprang der Jüngling in den See und die Wellen schlossen sich sanft murmelnd über seinem Haupte. Man sah ihn nie wieder und nie fand man seinen Leichnam. Der See aber, in den er die weisse Rose warf, bedeckte sich fortan jeden Sommer mit weissen Seerosen, welche aus dem Garten des Nixenschlosses emporwuchsen. Und an stillen Mondscheinabenden hört man wohl, wenn man schweigend am melancholischen Ufer des dunkeln Gewässers hinwandelt, ein leises Tönen, das kosende Geflüster der beiden Liebenden.
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch