Als die Menschen Vögel waren
Vor langer Zeit waren die Menschen Vögel. Sie hatten Flügel und das Leben war noch nicht so schwer wie heute. Sie flogen über die Welt, assen, was sie fanden, und wenn es kalt wurde, flogen sie in den Süden. Wenn es ihnen an einem Ort nicht mehr gefiel, dann flogen sie einfach weiter. Gefiel es den Vögeln dort auch nicht mehr, suchten sie sich einen neuen Platz. So war das Leben. Aber einfach war es nicht. Ein Vogel im Käfig erhält jeden Tag seine Körner. Ein Vogel in Freiheit muss sein Futter hingegen selbst suchen.
Einmal kam eine Zeit, in der Dürre herrschte. Es hatte schon lange nicht mehr geregnet und die Vögel waren hungrig und durstig. Gegen Abend sahen sie endlich grosse Kornfelder unter sich. Die Vögel liessen sich nieder. Sie pickten Weizenkorn um Weizenkorn und waren schliesslich so satt und müde, dass sie blieben. Am nächsten Tag wollten sie weiterfliegen, aber sie hatten immer noch grossen Hunger. Also pickten sie wieder Weizenkorn um Weizenkorn. Als der Abend kam, flatterten die Vögel mit den Flügeln. Doch sie waren zu schwer, um zu fliegen, und so blieben sie auf dem Weizenfeld.
So verging Tag um Tag, Woche um Woche. Als der Herbst kam, fingen die Vögel Mäuse, die die letzten Körner fressen wollten. Fliegen konnten sie nicht mehr; sie schritten nun über das Feld. Von den Mäusen lernten die Vögel Vorräte anzulegen. Sie kratzten Gruben, in die sie Körner legten und deckten sie mit Erde zu. Als der erste Frost kam, begannen die Vögel Reisig und Stroh zusammenzutragen und sich kleine Hütten zu bauen. In diesen Häusern verbrachten sie den Winter. So wurden die Vögel sesshaft. Ihre Beine wurden dicker, ihre Flügel verwandelten sich in starke Arme und aus den Vögeln wurden Menschen.
Doch wir Menschen träumen bis heute vom Fliegen. Es zieht uns in die Welt hinaus. Wenn wir im Tal sind, möchten wir auf den Berg. Sind wir auf dem Berg, wollen wir ins Tal. Es zieht uns immer weiter, und eines Tages werden wir uns wieder in Vögel zurückverwandeln.
Fassung D. Jaenike, nach: T. Bartos, Zigeunermärchen aus Ungarn, Frankfurt am Main 1976, unter dem Titel: Wir sind einmal Vögel gewesen
When People Were Birds
A long time ago, people were birds. They had wings, and life wasn’t as hard as it is today. They flew over the world, ate whatever they could find, and when it got cold, they flew south. If they no longer liked a particular place, they simply flew on. If the birds didn’t like it there either, they looked for a new spot. That was life. But it wasn’t easy. A bird in a cage is fed its grain every day. A bird in the wild, on the other hand, has to find its own food.
There came a time when drought prevailed. It hadn’t rained for a long time and the birds were hungry and thirsty. Towards evening, they finally spotted vast fields of grain below them. The birds settled down. They pecked at the wheat grain by grain and were eventually so full and tired that they stayed. The next day they wanted to fly on, but they were still very hungry. So they pecked at the wheat grain by grain once more. As evening fell, the birds flapped their wings. But they were too heavy to fly, and so they stayed in the wheat field.
And so day after day, week after week, passed. When autumn came, the birds caught mice that were trying to eat the last of the grains. They could no longer fly; they now walked across the field. From the mice, the birds learnt to store food. They dug holes, placed grains in them and covered them with earth. When the first frost came, the birds began to gather twigs and straw and build themselves little huts. They spent the winter in these little houses. And so the birds settled down. Their legs grew thicker, their wings turned into strong arms, and the birds became humans.
Yet we humans still dream of flying to this day. We are drawn out into the world. When we are in the valley, we long to be on the mountain. When we are on the mountain, we long to be in the valley. We are always drawn onward, and one day we shall turn back into birds once more.
Fassung D. Jaenike, nach: T. Bartos, Zigeunermärchen aus Ungarn, Frankfurt am Main 1976, unter dem Titel: Wir sind einmal Vögel gewesen. Übersetzung: Lysander Jaenike
Ungarn mit seinen weiten Ebenen und der blauen Donau besitzt eine lebendige Volkskultur. Die Geschichte des Landes ist von Jahrhunderten der Fremdherrschaft geprägt. Nach der blutigen Niederschlagung des Ungarischen Volksaufstandes von 1956 durch sowjetische Truppen flohen rund 200'000 Menschen aus Ungarn. Viele fanden in Westeuropa oder Übersee eine neue Heimat. Die heutige Republik Ungarn verfolgt in der europäischen Migrationspolitik einen restriktiven Kurs.