Der kleine Hahn und die diamantene Münze
Es lebte einmal eine Frau, die hatte nichts als ein winziges Häuschen und einen kleinen Hahn. Eines Tages scharrte der kleine Hahn auf dem Mist und fand dort eine Münze. Er kratzte sie hervor und sie blitzte in der Sonne wie ein Diamant. Gerade in diesem Augenblick ritt der türkische Kaiser vorbei. Er sah das wertvolle Geldstück und sagte: „Hähnchen, gib mir die diamantene Münze!“
Der Hahn krähte:
Kikeriki, die Münze geb ich nicht her,
sie gehört nicht dir!
Doch der Kaiser griff nach der Münze, nahm sie mit und legte sie zu Hause in seine Schatzkammer. Darüber ärgerte sich der kleine Hahn. Er flog vor das Fenster des Kaisers und krähte:
Kikeriki, gib die Münze her,
sie gehört nicht dir.
Der Kaiser befahl: „Fangt den kleinen Hahn und werft ihn in den Brunnen!“
Die Diener warfen den kleinen Hahn in den Brunnen. Doch der Hahn sperrte seinen Schnabel auf und trank den Brunnen leer.
Dann flog er wieder vor das Fenster des Kaisers und krähte:
Kikeriki, gib die Münze her,
sie gehört nicht dir.
Der Kaiser befahl: Fangt den kleinen Hahn und werft ihn ins Feuer!“
Die Diener packten das Hähnchen und warfen es in den Backofen. Dort sperrte der kleine Hahn seinen Schnabel auf und löschte das Feuer mit dem Wasser aus dem Brunnen.
Wieder flog er vor das Fenster des Kaisers und krähte:
Kikeriki, gib die Münze her,
sie gehört nicht dir.
Der Kaiser befahl: „Fangt den Hahn und werft ihn in den Bienenkorb!“
Die Diener packten den Hahn und steckten ihn in den Bienenkorb. Dort öffnete er seinen Schnabel und verschluckte alle Bienen. Dann flog er wieder vor das Fenster des Kaisers und krähte:
Kikeriki, gib die Münze her,
sie gehört nicht dir.
Nun hatte der Kaiser genug. Er befahl: „Fangt den Hahn und bringt ihn mir!“
Als man ihm den Hahn brachte, packte der Kaiser ihn wütend und stopfte ihn in seine weite Hose.
Da öffnete der kleine Hahn seinen Schnabel und liess die Bienen hinaus. Sie stachen den Kaiser in den Hintern, sodass er jammernd schrie: „Aua! Au!“
Schliesslich befahl er: „Bringt den Hahn in die Schatzkammer! Er soll sich die diamantene Münze selbst suchen!“
Man trug das Hähnchen in die Schatzkammer. Dort öffnete der kleine Hahn seinen Schnabel, verschluckte alles Geld aus der Schatzkammer. Dann flog er zum Häuschen und schenkte alles der armen Frau.
So hatte alle Not ein Ende – und wer weiss, vielleicht kräht das Hähnchen noch heute.
Fassung D. Jaenike, nach: G. Ortutay, Ungarische Volksmärchen, Berlin 1980, unter den Titel: Das Hähnchen und sein diamantener Heller © Mutabor
The Little Rooster and the Diamond Coin
Once upon a time, there lived a woman who had nothing but a tiny little house and a little rooster. One day, the little rooster was scratching around on the dung heap and found a coin there. He scratched it out and it sparkled in the sun like a diamond. Just at that moment, the Turkish Emperor rode past. He saw the precious coin and said: “Little cockerel, give me the diamond coin!”
The cockerel crowed:
Cock-a-doodle-doo, I won’t give up the coin,
it doesn’t belong to you!
But the Emperor snatched the coin, took it with him and placed it in his treasury at home. This made the little cockerel very angery. He flew up to the Emperor’s window and crowed:
Cock-a-doodle-doo, give the coin back,
it doesn’t belong to you.
The Emperor ordered: ‘Catch the little cockerel and throw him into the well!’
The servants threw the little cockerel into the well. But the cockerel opened his beak and drank the well dry. Then he flew back to the emperor’s window and crowed:
Cock-a-doodle-doo, give me back the coin,
it doesn’t belong to you.
The emperor ordered: ‘Catch the little cockerel and throw him into the fire!’
The servants grabbed the cockerel and threw him into the oven. There, the little cockerel opened his beak and put out the fire with the water from the well. Once again, he flew to the Emperor’s window and crowed:
Cock-a-doodle-doo, give me the coin,
it doesn’t belong to you.
The Emperor ordered: “Catch the cockerel and throw him into the beehive!”
The servants grabbed the cockerel and put him into the beehive. There, he opened his beak and swallowed all the bees. Then he flew back to the Emperor’s window and crowed:
Cock-a-doodle-doo, give me the coin,
it doesn’t belong to you.
Now the Emperor had had enough. He ordered: “Catch the cockerel and bring him to me!”
When they brought the cockerel to him, the Emperor grabbed him angrily and stuffed him into his baggy trousers.
Then the little cockerel opened his beak and let the bees out. They stung the Emperor on the butt, so that he screamed in agony: “Ouch! Ouch!”
Finally, he ordered: “Take the cockerel to the treasury! Let him find the diamond coin for himself!”They carried the cockerel to the treasury. There, the little cockerel opened his beak and swallowed all the money from the treasury. Then he flew to the little cottage and gave everything to the poor woman.
And so all hardship came to an end – and who knows, perhaps the cockerel is still crowing to this day.
Fassung D. Jaenike, nach: G. Ortutay, Ungarische Volksmärchen, Berlin 1980, unter den Titel: Das Hähnchen und sein diamantener Heller © Mutabor. Übersetzung: Lysander Jaenike
Ungarn mit seinen weiten Ebenen und der blauen Donau besitzt eine lebendige Volkskultur. Die Geschichte des Landes ist von Jahrhunderten der Fremdherrschaft geprägt. Nach der blutigen Niederschlagung des Ungarischen Volksaufstandes von 1956 durch sowjetische Truppen flohen rund 200'000 Menschen aus Ungarn. Viele fanden in Westeuropa oder Übersee eine neue Heimat. Die heutige Republik Ungarn verfolgt in der europäischen Migrationspolitik einen restriktiven Kurs.