Das Wetter-Wildmannli
Ein wildes Mannli kam einmal vor ein Haus auf Camana in Savien. Dort war eine Frau in der Hausflur am Käsen und lud das Männlein zu Speis und Trank ein. "Nein," sagte das Mannli, "das darf nicht sein, denn wenn ich unter ein Dach trete, so regnet es." Die Frau lachte und wollte es nicht glauben. Der Himmel war ja klar und die Familie der Frau eben vollauf mit der Heuernte beschäftigt. Wiederholt lud sie das Männlein ein, in das Haus zu kommen und Molken zu trinken. Das Mannli weigerte sich noch lange; die Frau fing an böse zu werden und nannte ihn einen Hochmuthsnarren. Endlich liess er sich doch überreden, aber kaum war er unter das Dach getreten, so flogen Wolken heran, so dass im "Handkehrum" von reinem Himmel nichts mehr zu sehen war, und bald begann es in Strömen zu regnen.
Nun fing die Frau aber erst recht an, ihrem Grimm Luft zu machen und über das Mannli zu schimpfen, er sei schuld, dass es so unzeitig Regen gegeben habe. Sie ergriff noch den Ofenwisch und jagte den Unglückspropheten zum Hause hinaus. Das Mannli lief ins Weite, setzte ein Stück weit von der Hütte sich auf einen Stein und rief von dort aus der Frau drohend zu: "Wart, di ärgerts," und verschwand. Der Regen hörte augenblicklich auf, und viele, viele Tage war heisses Wetter; der Boden dörrte aus.
Die Frau hatte die Geschichte mit dem Mannli erzählt, und allgemein begann man zu glauben, sie sei schuld am Regenmangel, sie solle wieder "Wetter" (Regen) machen. Und die Verwünschungen und Drohungen, welche die bedrängten Bauern zu Berg und Thal über sie ergossen, trieben die Arme von Hause weg, und in Schluchten und Höhlen musste sie Unterkunft suchen. Sie hatte eine fromme Tochter und die trug ihr Speise zu. Als aber das Vieh auf dem ausgebrannten Boden nicht mehr weiden konnte und der Regen immer noch ausblieb, wurde sogar der Tochter verboten, der Mutter ferner Speise zuzutragen mit dem Bemerken, wenn das Vieh verhungern müsse, so müsse das Weib, das am Uebel Schuld sei, es nicht minder. Da ging die Tochter in ihrer Betrübnis von Hause weg, setzte sich auf den nämlichen Stein, von dem herab das Mannli die Drohung gethan und fing an, erbärmlich zu weinen. Auf einmal stand das Wettermannli, das man seit seiner Verwünschung nicht mehr erblickt hatte, vor ihr und tröstete die fromme Tochter: "Lueg, es regnet, bist gesegnet!"
Und wirklich regnete es und regnete so schön, so anhaltend und so warm, dass bald wieder das schönste Grün die Weidefläche bedeckte, und das Vieh wieder ausgetrieben werden konnte. Auch holte man die arme Frau aus ihrer Schlucht herab, und liess sie von Stunde an in Ruhe mit dem rachsüchtigen, wilden Wettermannli.
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch