Mutabor Märchenstiftung

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Wie die Sennen das "Süsskäsen" lernten

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Kategorie: Sage

Vor alten Zeiten sollen die Sennen kein Verständnis von der Zubereitung des "süssen" Käses gehabt haben; ihnen fehlte das Mittel dazu, die Milch zum Gerinnen zu bringen, ohne sie sauer werden zu lassen, denn damals liess man die Milch stehen, bis sie ganz dick war. Dabei kam aber nur saurer Käse zu Stande, der bekanntlich nicht besonders schmeckt. Die wilden Mannli verstanden aber die Kunst des "Süsskäsens", und von einem derselben hat einer unserer Vorfahren es gelernt. Nämlich im Maiensässe von Schubers lebte einmal ein wildes Fänggenmannli mit dem Sennen auf vertrautem Fusse und empfing von demselben gar mancherlei Geschenke und Gaben. Eines Abends sagte der Senne, er müsse morgen mit Butter zu den Seinigen ins Dorf hinunter gehen und bat das Mannli für ihn zu "käsen". Der Fängge nahm den Vorschlag an, denn er wollte ihm nun einmal eine Probe seiner Naturwissenschaft zeigen.

Der Senne ging ins Dorf und das Mannli käsete. Wie erstaunte aber der Senne, als er am Abend zurückgekehrt war und den vom Fänggen gefertigten Käse kostete und dieser so süss schmeckte, wie die frische Butter. Lange suchte er das Fänggenmannli zu bewegen, ihm zu sagen, wie man "süss käsen" könne, aber unser Bergmännlein war nicht zu überreden. Da griff der Senne zur List. Mehrere Wochen nachher sagte er eines Morgens mit strahlender Miene, als der Fängge in die Hütte trat: "Jez chan i denn au süess chäsa". Darauf ereiferte der wilde Kleine: "Häst süessa Chäs gmacht, so häst au Mäga g'ha". Keine Miene verrieth den Sennen, dass er jetzt nun auch um das Geheimnis wisse, das der Fängge ihm immer vorenthalten hatte und probierte mit dem "Gizimagen"; der Versuch gelang, und er war fortan im Stande, den besten süssen Käs zu machen. Das Fänggenmannli, als es sich überlistet sah, gab die Freundschaft mit dem Sennen auf und wollte mit ihm weiters nicht mehr zu verkehren haben.

H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882

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