Die Zwerge in Waldkirch
In der St. gallischen Gemeinde Waldkirch, zwischen Schuoppis und Vögeliberg (Buchholz), stand vor alter Zeit ein Schloss, jetzt nur noch in Ueberresten, Wällen, Mauern, Höhlungen. Es heisst, es habe durch unterirdische Gänge mit Ramswag in Verbindung gestanden und sei von reichen Zwergmännchen bewohnt gewesen. Diese haben gegen hundert Jahre hindurch den Bauern von Schuoppis, Koller genannt, wenn sie in der Nähe ackerten, Vor- und Nachmittage Kuchen und anderes gebracht und zwar auf silbernen Tellern, auch das Besteck schwer Silber. Die Zwerge sprachen nie, sondern legten die Speisen, wenn die Bauern gegen Schuoppis zufuhren, einfach auf die Furrenen, und holten später das Geschirr wieder ab. Sie seien von der Grösse eines fünfjährigen Kindes gewesen und sehr zahlreich. Zu leide thaten sie niemanden etwas.
Einmal entschlossen sich die Bauern, die auf den Acker gebrachten Teller, Löffel und Gabeln wegzunehmen, worauf die Kleinen weder je mehr was brachten noch sich auf Schuoppis mehr sehen liessen. Im Buchholz sah man sie nach etwas Zeit, aber dann auch nicht mehr.
In demselben Waldkirch haben die Zwerge nach ihrem Verschwinden ihren Schatz dadurch kundgegeben, dass sie ihn im Buchholze im Freien sonneten, aber nur in der Gestalt glänzender, buntfarbiger Glas- und Porzellanscherben. Gewann man diese, so waren sie Gold. Einst gingen zwei Männer in die dortige Ruine und erblickten Haufen Goldes. Eine unsichtbare Stimme erlaubte ihnen so viel mitzunehmen, als jeder forttragen möge; aber sie dürfen weder ein Wort reden, noch einander dabei helfen. Die Männer füllten zwei Säcke voll, und als der eine den seinigen nicht zu heben vermochte, winkte er dem andern, worauf sogleich alles zu Scherben wurde, die sie nun unbedacht wegwarfen. Das Schatzsonnen will man noch in der neuesten Zeit bemerkt haben, jedoch nur, wenn Personen vorbeigingen, denen der Sachverhalt unbekannt war, die dann von den Massen glänzender Scherben erzählten. Kehrten solche zurück, so war nie mehr was zu sehen.
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch