Erdmännchen bei Gippingen
Auf der linken Seite des Zusammenflusses von Aare und Rhein liegt da, wo das Reuenthal und das Fullerfeld zusammenstossen, ein geringer Berg, in welchen drei Höhlen hineinführen. Der ganzen Umgegend ist es bekannt, dass hier vor Zeiten drei Fuss hohe Männchen gewohnt haben. Damals aber waren diese Höhlen Säle voll Pracht; goldene Leuchter standen darinnen, auf deren jedem den ganzen Tag acht Kerzen auf einmal brannten; die Wände waren von Glas und warfen den Glanz der Lichter zurück. Aber trotz dieser Herrlichkeit musste jedes der Männchen der Reihe nach die untergeordnetsten Hausarbeiten verrichten: auskehren, backen, die Leuchter abstauben, ja, in der Erntezeit sogar die Aehren auf dem Felde vom Halme raufen und drinnen in der Höhle mühsam mit Steinen ausklopfen und auskörnen. Ganz besonders berühmt waren ihre Wähen, wohlschmeckende Kuchen von dem allerdünnsten Teige. So oft ein Bauer sein Feld umpflügte, dem sie vorher in seine reifen Aehren gegangen waren, kamen sie zu ihm auf den Acker und legten ihm dankbarlich ein solches feines Küchenbackwerk auf das Höchli des Pfluges hin. Das gefiel dann dem Pflüger gar wohl und er liess sichs schmecken ohne alle Nebengedanken. Sogar Most sollen sie dazu gegeben haben und zwar aus einer Kelter, die auf der Ostseite jener Höhe mitten in einem Weinberge gelegen war.
Ein Mann aus Gippingen wars, der bei diesen Männlein lange Zeit gelebt hat. Er hatte zufällig ihre Höhle aufgefunden und auch jenes eiserne Gitter, mit welchem sie von innen verschlossen war, öffnen können. Als er in die Krystallgänge kam, hatten die Männchen gar grosse Freude über sein Erscheinen; denn sie führten eben Krieg mit einer fremden Völkerschaft, und der Gippinger musste ihnen dabei helfen. Er gewann ihnen den Krieg und ward ihnen lieb und werth. Zuletzt erinnerten sie ihn, dass er nun auch wieder hinauf auf die Welt gehen müsse, nahmen Abschied von ihm und gaben ihm einen Wagen voll Gold mit. Als der Gippinger damit in sein Dorf heimkam, waren die Seinigen längst gestorben und von seinen Nachbarn erkannte ihn keiner mehr. Er selbst war so alt, als ob er viele hundert Jahre im Berge gewesen wäre. Da fühlte er, dass es auch mit ihm zu Ende sei, und weil ihm niemand mehr angehörte, -vermachte er all sein Gold der Kirche.
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch