Die Milchdiebe
In Zermatt und in der Umgegend wurden die Godverjinen von heranrückenden Ansiedlern immer mehr verdrängt; darum hausten sie zuletzt nur noch in den Bergen. Zwei Godwerjini, ein altes und ein junges, hatten Behagen gefunden und sich erfrecht, einem Bergmanne auf der Hochalpe in den Milchkeller einzubrechen und Milch und Nidel (Rahm) zu naschen. Das lag dem Bauer nicht recht bequem; er sann auf Mittel, dem Ding abzuhelfen. Er schloss anfangs den Keller fester; es half nichts. Dann begann er aufzupassen; allein die Diebe kehrten sich nicht daran. Mit offener Gewalt und von Arm getraute er sich nicht, sie anzugreifen, weil er schon wusste, er würde das theuer bezahlen. Darum ersann er eine List; er nahm eine Handwanne und verbarg sich im Keller darunter. Als die Diebe wieder kamen, begann er mit der Wanne zu rütteln und zu lärmen, in der Hoffnung, sie würden voll Angst auf und davon springen. Wirklich wurde der Junge scheu und wollte davon; aber der Alte zog ihn zurück und lachte: "Lass du d' Wanderle nur rütteln und schlapps du brav!"
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch