Die Erdmännchen am Wallhalb
Ein Guggisberger Bäuerlein kam einst spät im Herbste, als schon alles Vieh wieder im Thale war, mit einem im Simmenthale gekauften Rind den nächsten Weg über die Berge herüber. Auf der "Egg" ereilte ihn Nacht und Nebel und er sah sich gezwungen, im Wallhalb zu übernachten. Er stellte das Rind in den Stall, suchte sich im Feuerhause das verlassene Küherlager auf und schlief bald wie ein Prinz. In der Nacht aber kamen die Erdmännchen, nahmen das Rind aus dem Stalle, schlachteten es und kochten dann das Fleisch im Käskessi vor den Augen des erschrockenen Bäuerleins, das, ob dem Lärm erwacht, das alles mit ansehen musste. Sie richteten nun ein Mahl zu und lebten herrlich und in Freuden. Auch dem unfreiwilligen Zuschauer boten sie freundlich an; er nahm aber nur ein ganz kleines Stück Fleisch und hätte statt des Dankes den Geber lieber ins Pfefferland gewünscht. Nachdem die Mahlzeit geendet war, entfernten sich die Zwerge, die Ueberbleibsel mit sich nehmend. Als der Bauer am Morgen aufstand und nun missmuthig und traurig den Heimweg ohne Rind antreten wollte, war er verwundert, vor der Hütte keine Blutspuren zu finden. Er trat in den Stall, um zu sehen, ob das Rind etwa dort geschlachtet worden sei. Wie erstaunte er aber, dasselbe unversehrt am Barren zu finden! Nur an einem Hinterbecken fehlte ein kleines Stücklein Fleisch, gerade so viel, als er selbst in der Nacht verzehrt hatte.
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch