Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Das dienstfertige Moosweibchen

Land: Schweiz
Kanton: Uri
Kategorie: Sage

Auf dem Born weidete von Alters her den ganzen Sommer über eine Herde Ziegen, die der Hirt von Kappel des Morgens darauf sammelte, um sie des Abends dorfab wieder ihren Eigenthümern vors Haus zu treiben. Es war ein Stück schönster Idylle, wenn morgens das kleine, in dauerhaften Zwillich gekleidete Männlein mit dem Horn an der Seite, eine grosse Geissel im braunen Fäustchen schwingend, hinter seinen sechzig bis siebzig Ziegen zum Dorf hinaus den felsigen Hohlweg hinantrieb. Das Durcheinander von fünfzig ehernen, kupfernen und eisernen Glöcklein, Schellen und Rollen fiel besonders angenehm ins lauschende Ohr der Kinder, und mancher Bauern

 

knabe blickte sehnsüchtig dem armen Büblein des Hirten nach, der barfuss vor oder neben der Herde her mit schwankender Gerte die lüsternen Geissen von Krautgärten und Johannisbeerhecken abhielt. Allein wenn an schwülen Sommertagen der falsche Westwind ein Gewitter herantrieb, das in Strömen Regens sich über Berg und Thal ergoss, dann war auch niemand schlimmer dran als unser Hirt. Ins dichteste Gebüsch verkrochen sich viele Geissen, andere wehklagten zu Blitz und Donner, dass sich ein Stein hätte erbarmen mögen, andere sanken im durchweichten Boden ein oder rissen sich in die strotzenden Euter tiefe Wunden an spitzigen Steinen und Dornengestrüpp. Viele blieben auf dem Berge über Nacht. Was war dann für Jammer im Dorfe, wenn das Milchthier einer armen Witwe ausblieb! Hören wir den Hirten selber erzählen, wie er tropfendnass die verlornen Geissen sucht und findet.

"Bub, habe ein Unglück gehabt, habe vier Geissen verloren, ist mir leid genug. Die Maribeth, die Zundelgreth, der Krüschknüpfer und der Kälblistüpfer — alle sind wetterwild und drohen mir mit Entsetzung vom Amt. Ich bin ein geschlagener Mann! Die Wetters Geissen! Hätte ich sie bei den Ohren; sie sollten Herr Jesus pfeifen! Ich muss sie holen noch diese Nacht. Ich gehe die Steinplatte hinan, dem Fuchsloch zu und den Katzengraben hinauf bis auf das obere Buchköpfli, dann gegen das Kessiloch und bis fast zur Heidenküche. Wer die Geissen nicht findet, das bin ich. Ich laufe bachnass in den Stauden herum, da herüber und dort hinüber. Nirgends eine Spur von Geissen! Auf einmal steht das Moosweibchen leibhaftig vor mir und hüpft wie am Schnürlein herum, schüttelt neckisch sein kurzes Röcklein und macht den flinksten Hoppser, aber braun und runzlig ist sein Gesicht wie ein dürrer Apfelschnitz. Drauf habe ich das Herz in beide Hände genommen und frage es: "Hesch mer myni Geisse niene g'seh?" Da hats wie ein Mäuslein aus der Nase gepfiffen und dazu das Röcklein ziemlich hin und her gewiegt:

"Eins — zwee — drei Dyne Geisse si nit hei?"

Eben darum bin ich ja hier, sage ich, weisst mir keine Spur von ihnen? Da pfiffs nochmal:

"Eins — drei — zwee — Dyne Geisse ha-n- i g'seh."

Drauf ists mit der Schnelle des Wetterleuchtens mir aus dem Blick verschwunden und über die Stauden und das Jungholz hinweg hat sich ein Brausen verbreitet, gleich als wenn die schrecklichste Windsbraut einen Haufen Kieselsteine aus einander schüttelt. Staunend über das lustige Spiel hätte ich beinahe meine Geissen vergessen. Einige Augenblicke noch und sie kamen alle vier wie hergeblasen, worauf wir mitsammen heimgingen. Ein Horn sollte jeder Hirt haben, womit er Wind machen könnte, wie mit seinem Röcklein das Moosweibchen!"

H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch