Bergmännchens eigener Sitz
Der Stanserberg heisst auf der Seite gegen Obwalden Branzhorn und einen Abhang desselben nennt man Steinberg. Dieser wurde von Bergmännchen bewohnt. Die kleinen Leute waren den benachbarten Aelplern und den am Abhange des Berges wohnenden Güterbesitzern sehr hilfreiche und werthe Gäste.
In der Nähe des Steinberges erstreckt sich eine Alp samt Heuland, welche Obfluh heisst, und ziemlich tiefer unten liegt die Rütimatt. Oben im Steinberge befindet sich eine Felsenhöhle, welche die Wohnung solcher Bergmännchen war. Unter ihnen gab es vorzüglich eines, das sich sehr hilfsbeflissen zeigte. Zur Sommerszeit nahm es häufig in den Sennhütten Obfluh und Rütimatt seine Einkehr, leistete den Aelplern verschiedenartige Hilfe bei Besorgung des Viehes, Einsammlung des Heues und dergleichen. Dafür wurde es von ihnen recht gastlich mit Aelpler- speisen bewirthet; kurz, es war der vertraute Hüttengenosse der Aelpler, hatte aber immer den eigenen Sitz. Auf Obfluh durften sie sogar abwesend sein, und dem sonst wilden Gaste die Besorgung des Viehes allein überlassen. Doch machte er denselben bei ihrem Fortgehen allemal die heitere Bedingung, dass wenn der Föhn im Anzuge sei, sie unverweilt zur Besorgung des Viehes auf die Alp kommen sollen; denn in diesem Falle werde es nicht zu Diensten stehen. In der Rütimatt aber spielten lose Leute diesem guten Manndli eine Posse. Wie sie nämlich dasselbe einst den steilen Felsenabhang hinunterkommen sahen, erhitzten sie schnell den Stein, worauf es in der Hütte zu sitzen pflegte. Es kam und sass auf die stark erwärmte Platte, entfernte sich sogleich und erschien nachher nicht mehr.
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch