Das Maultier, das die Sonne verschluckte
Ein Mann war einmal mit seinem Maultier zwischen Binissalem und Inca unterwegs. Es war sehr heiss und die Sonne brannte vom Himmel. Das Maultier hatte grossen Durst, also führte es der Mann zu einem kleinen Tümpel. Durch die grosse Hitze war nur noch wenig Wasser darin, aber noch genug, sodass sich die Sonne darin spiegelte. Das Maultier jedoch hatte solchen Durst, dass es den ganzen Tümpel aussoff.
Der Mann, der soeben die Sonne noch im Wasser gesehen hatte, schrie auf: «Die Sonne ist verschwunden!»
Er kratzte sich am Kopf, dann schaute er das Maultier an, und fragte: «Hast du etwa die Sonne weggesoffen?»
Das Maultier schwieg. Also befühlte den Bauch des Maultiers - er war ziemlich warm. «Da muss die Sonne drin sein!», sagte er und zog das Maultier eilig hinter sich her in das nächste Dorf.
Dort ging er zum Dorfvorsteher und schilderte ihm das Problem. Der Dorfvorsteher fuhr sich lange über den Schnurrbart und sagte er: «Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder das Maultier platzt, oder die Sonne kommt hinten wieder raus.»
Dann befahl er: «Vier Leute sollen das Maultier bewachen, damit wir sehen, was geschieht.»
Sofort wurden vier starke Männer gerufen, die das Maultier bewachten. Es wurde Abend, aber es geschah nichts. Auch in der Nacht wurde nichts Ungewöhnliches beobachtet. Doch am nächsten Morgen, als es langsam dämmerte, hob das Maultier den Schwanz… und ihr könnt euch denken, was es tat.
Die Männer blinzelten im ersten Sonnenlicht und riefen: «Die Sonne ist wieder frei!»
So kam es, dass die Sonne auch über Mallorca wieder am Himmel steht.
Fassung D. Jaenike, nach: H. Wetzel-Zollmann, Balearische Märchen, Fabeln und Schwänke, Mallorca 2011, © Mutabor