Mutabor Märchenstiftung

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Die Feengrotte

Land: Schweiz
Kanton: Waadt
Kategorie: Sage

Oberhalb Vallorbes, in den steilen Abhängen des Jura, findet sich eine grosse Höhle, in die einst niemand zu treten wagte, weil man sie von Feen bewohnt wähnte, die keinen Menschen ungestraft in ihre unterirdische Wohnung eindringen liessen. Eine derselben liess sich jeden Palmsonntag von ferne sehen; sie führte an einer Leine ein schneeweisses Schaf, wenn das Jahr fruchtbar ausfallen, oder eine rabenschwarze Ziege, wenn schlechte Ernte und in Folge davon Hungersnoth eintreten sollte. Eine andere, oder vielleicht die gleiche, badete sich um Mitternacht in dem schönen Becken der Quelle der Orbe, bewacht von zwei Wölfen, um Neugierige ferne zu halten. Zur Winterszeit, wann die Arbeiter sich zurückgezogen hatten, traten die Feen in die Schmiede ein, um sich zu wärmen, und ein wachsamer Hahn kündete durch sein Geschrei eine Stunde voraus die Rückkehr der Schmiede an, damit sie Zeit finden sich zu entfernen. Darüber war man einig, dass diese Damen schön, gross und hübsch gebaut waren, dass ihre Kleidung in einem weissen Rocke bestund, der bis zur Erde ging und immerfort ihre Füsse verdeckte, dass ihr dichter und langer Haarwuchs über ihre Kleidung dahinwallte und ihnen gleichsam als Mantel diente; ebenso war ihre Stimme klangvoll und sanft, nach der Aussage derer, die behaupteten, sie singen gehört zu haben.

Unter den Arbeitern in den Eisenwerken von Vallorbes befand sich ein Jüngling von achtzehn Jahren, Namens Donat. Derselbe war hübsch, stark, geschickt, verwegen bis zur Tollkühnheit. Dabei galt er aber auch als prahlerisch, anmassend und unfähig ein Geheimnis zu bewahren. Donat hatte sich sorgfältig alles, was die Sage von den Feen wusste, gemerkt und beschloss, in die Höhle einzudringen, quer durch das dichte Gebüsch, welches den Eingang verdeckte. Ohne irgend jemandem sein Vorhaben mitzutheilen, erklimmt er an einem Sonntagsmorgen die Felsen, durchbricht eine Wand von Brombeersträuchen und Gebüschen und tritt in die Höhle, ein, die er verlassen und finster findet. Er schleicht darin herum und gelangt zu einem zweiten Stockwerk. Dort findet er in einem Winkel ein Bett von Moos und Farrenkraut; er benutzt dasselbe um auszuruhen und nicht lange, so schläft er dort ein. Als er erwacht, ist die Höhle erleuchtet; an seiner Seite erblickt er eine hübsche Dame in ihr langes, blondes Haar eingehüllt und von zwei niedlichen Windspielen begleitet. Die Fee, die ihn während seines Schlafes mit Musse betrachtet hatte, bietet ihm freundlich ihre Hand und sagt mit herzgewinnender Stimme: "Donat, du gefällst mir, willst du bei mir bleiben? Ich will dich ein Jahrhundert lang glücklich machen; ich will dich köstliche Metalle, gesunde Kräuter und allerlei Geheimnisse kennen lehren. Du wirst in die Gesellschaft meiner Schwestern in den Grotten von Montcherand aufgenommen werden; dieselben werden bald mit mir die Sorge um dich theilen, um dich zu unterrichten, zu unterhalten und für alles, was du auf Erden zurücklässest, zu entschädigen."

Der junge Schmied nimmt mit Vergnügen den Vorschlag an. "Aber," sagte die Dame, "ich stelle eine unumgängliche Bedingung in unsern Vertrag, nämlich die, dass du mich nur dann sehen kannst, wann es mir gefällt, vor deinen Augen zu erscheinen; falls ich mich in irgend einen andern Theil meines Gemaches zurückziehe, sollst du nicht dort einzudringen suchen; denn, wenn du es thätest, würde ich dich für immer entlassen und du würdest es dein ganzes Leben bereuen. Sieh, da hast du zwei Börsen; jeden Tag, wenn ich mit dir zufrieden bin, lege ich dir in die eine ein Goldstück, in die andere eine Perle."

Donat war über dieses Versprechen entzückt und vierzehn Tage lang erhielt er jeden Abend die Perle und das Goldstück. Hörte man die Mittagsglocke der Kirche von Vallorbes, so öffnete sich eine kleine geschlossene Gruft, und Donat speiste dort mit der schönen Dame, welche ihn bediente, ohne dass je ein anderer Diener erschien. Die Tafel war reichlich und schmackhaft; Forellen aus der Orbe, Rehe aus dem Jura, Wildpret von Petra-Felix, Rahm von der Dent de Vaulion, Honig aus dem Jouxthal, Arboiswein, Früchte aus den Bergen und aus der Ebene, nichts fehlte. Um ihren Gast zu unterhalten, erzählte ihm die schöne Dame Wundergeschichten; ein andermal sang sie ihm Balladen im Dialekte von Vallorbes und Romainmotier vor; dann zog sie sich durch eine im Winkel des Esssaales angebrachte Thüre zurück; aber er durfte ihr nicht folgen.

Nach und nach wurde unserm Donat die Zeit lang. Die Einsamkeit, in die er versank, wann die Fee sich entfernt hatte, drückte ihn. Seine Einbildungskraft spiegelte ihm vor, unterirdische Gewölbe müssen ihm noch ganz andere Schauspiele darbieten, als die bisherigen, und seine Neugierde treibt ihn, verstohlener Weise an jene Orte zu schleichen, die ihm untersagt sind.

Nach dem Mittagessen des sechzehnten Tages, bei welchem die Fee liebenswürdiger gewesen als je, ging sie nach ihrer Gewohnheit hinaus und trat in ein benachbartes Gemach, um ihrer Mittagsruhe zu pflegen; aber sie schloss, absichtlich oder unabsichtlich, die Thüre nicht ganz. Wie Donat sie eingeschlafen glaubte, näherte er sich auf den Fussspitzen der halboffenen Thüre, stiess sie sachte auf und sah die Fee auf einem hübschen Bett von hochrothem Samt schlummern. Ihr langes Kleid war ein wenig zurückgeschoben und er bemerkte zu seinem grossen Erstaunen, dass ihr Fuss, keine Ferse hatte, gerade so, wie der Fuss einer Gans. Er zog sich ganz leise zurück, als eines der unter dem Bette der Herrin verborgenen Windhündchen zu kläffen anfing. Die Fee erwacht, sieht Donat und ruft ihm zu: "Halt, Unglücklicher! Bis jetzt war ich mit dir zufrieden; am Ende dieses ersten Probemonats hatte ich den Plan, dich zum Gatten zu nehmen und mit dir meine Macht, meine Geheimnisse und meine Reichthümer zu theilen; nun aber hebe dich unverzüglich weg; kehre zum Schweisse deiner Schmiede zurück! Da ich nicht zurücknehmen will, was ich dir gegeben, so nimm deine zwei Börsen! Vergiss alles, was du in meiner Grotte gesehen und gehört hast! Wenn du es je irgend einem Menschen offenbarest, so wird dir deine Züchtigung sofort nachfolgen!"

Die Dame verschwand; alle Lichter erloschen. Donat, einzig in der Finsternis zurückgeblieben, tastet hin und her und findet endlich die Spalte, durch welche er vom ersten Stockwerk ins zweite gestiegen war. Wie er durch die in den Felsen gehauene Säulenhalle herausschreitet, hört er eine Stimme, die ihm zuruft: "Donat, Verschwiegenheit oder Strafe!"

Bei seinem Eintritt in die Schmiede, wo man nicht wusste, was aus ihm geworden war, befragte man ihn über seine Abwesenheit. Er erzählte alles, was ihm begegnet, spricht von den Schätzen der Fee, ihrer Güte gegen ihn, ihrem Eheversprechen, nicht ohne sich über ihre Gänsefüsse lustig zu machen, und Umstände und Einzelheiten beizufügen, durch welche seine Eigenliebe die genaue Wahrheit entstellte.

Die Schmiede verlachen ihn; die einen nennen ihn Geisterseher, die andern halten ihn für einen Lügner, mehrere verlangen von ihm Beweise für seine kühnen Behauptungen. "Nun gut, ich will euch solche geben." Und er zieht seine beiden Börsen hervor. Aber wie gross ist sein Erstaunen und seine Verwirrung! In jener, die Goldstücke enthielt, findet sich nichts als Elsbeerblätter; jene, in die er die Perlen gelegt hatte, enthält nichts als Wachholderbeeren. Nun fasste Donat, voll Scham und Verzweifelung, den Entschluss, das Land zu verlassen und von da an hörte man in den Eisenwerken von Vallorbes nicht mehr von ihm sprechen.

Als die Fee ihre Wohnung entdeckt und das Geheimnis ihrer Gänsefüsse bekannt gemacht sah, suchte sie sich eine andere Stätte; aber zum Andenken ihres ursprünglichen Aufenthaltes ist ihr Name der Höhle geblieben. Noch in diesen Tagen nennt man sie die Feengrotte und man führt die Reisenden dahin, welche ihren merkwürdigen Bau bewundern; aber die Mehrzahl besucht nur das Erdgeschoss, wenige haben den Muth, in das obere Stockwerk vorzudringen.

H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882

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