Mutabor Märchenstiftung

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Die St. Jodern-Glocke

Land: Schweiz
Kanton: Wallis
Kategorie: Sage

In Sitten gab es einmal einen sehr frommen Bischof mit Namen St. Jodern (Theodor). Dem ward durch einen Traum kund gethan, der Papst in Rom schwebe in grosser Gefahr, wenn er nicht augenblicklich gewarnt würde. Voll Schrecken erwachte der Bischof; aber trotz allem Nachdenken fand er keinen Rath, wie da zu helfen sei, und traurig starrte er zum Nachthimmel empor. Da bemerkte er einen hellen Schein und, näher hinschauend, erkannte er drei Teufel, die vor Vergnügen auf ihrem Pferdefuss tanzten. Der Bischof rief sie an und sie kamen auch gehorsamst herbei.

"Wer von euch ist der Geschwindeste?" fragte der Heilige. "Ich!" sagte der erste Teufel, "ich bin geschwind wie der Wind." "Nein, ich!" behauptete der Zweite, "ich fliege wie die Kugel aus dem Rohr." "Das ist was Rechtest" höhnte der Dritte, "ich durcheile die Welt wie ein Weibergedanke.""Du bist mein Mann!" sagte der Heilige erfreut.

Sie verabredeten alsdann, er wolle dem Teufel seine Seele als Lohn geben, wenn er ihn noch dieselbe Nacht nach Rom tragen und zurückbringen könne, ehe noch die Hähne den Tag verkündeten. Froh ging der Teufel den Handel ein, dann holte er einen schwarzen Hahn und setzte ihn als Wächter auf die Stadtmauer. Auch der Bischof brachte einen weissen Hahn und setzte ihn oben auf den Kirchthurm, mit dem strengen Befehl, ja nicht die Zeit zu verschlafen. Dann lud der Teufel den Heiligen auf und trug ihn im Fluge nach Rom. Der Papst ward gewarnt und aus Dankbarkeit schenkte er dem Bischof eine schöne Glocke; die musste der Teufel auch mit aufpacken. Die Last war schwer; trotzdem war es noch finster, als sie am Fusse des Bischofssitzes ankamen. Schon jubelte Satan, allein zu früh; denn ehe er den Heiligen absetzen konnte, fing der weisse Hahn auf dem Kirchthurme gellend zu krähen an. Er hatte auf dem spitzen Dach einen schlechten Platz gehabt und wach bleiben müssen, um nicht herunter zu fallen. Der schwarze Hahn hatte auf der Mauer bequemer gesessen und war eingeschlafen, aber er wachte sogleich auf und krähte aus vollem Halse mit. Satan schäumte vor Wuth; der Bischof jedoch, als er den Hahnenschrei hörte, sprang schnell von seinem Rücken und fiel auf die Kniee. Satan aber in seinem Grimm warf mit der Glocke nach ihm und zwar mit solcher Gewalt, dass sie neun Klafter tief in den Boden schlug, dann fuhr er unter Blitz und Donner von hinnen. Der gerettete Bischof streckte die Hand aus und rief: "Dona, Dona, läut'!" und die Glocke im Boden fing zu läuten an und stieg läutend empor bis in den Kirchthurm, wo sie hängen blieb. Sie heisst die St. Jodernglocke und wird gegen Ungewitter geläutet. Das Bild des Bischofs stellt ihn dar mit dem Satan neben sich, der eine Glocke trägt.

H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch