Mutabor Märchenstiftung

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Die wohlfeile Brücke

Land: Schweiz
Kanton: Wallis
Kategorie: Sage

Bei der vielbesuchten Wallfahrtskapelle in Chandelin-Savièse ob Sitten überrascht den Beobachter die Aussicht auf das lange, wildschöne Sanetschthal, welches mit den obstgesegneten Fluren des Savièse-Berges rechts und links mit den noch freundlicheren Halden des schönen Gundis (Conthey) in argem Gegensatze steht. Schroffe Felswände und steile Bergabhänge, welche, reich an wildem Steingeröll, nur spärlichen Boden dem Tannen- und Theelwalde einräumen, umrahmen das enge Thal, an dessen Sohle die Morge ihr Bett in tiefe Schluchten eingegraben. Ueber den Rand dieser Abgründe ist eine gut erhaltene, aber sehr gefährliche Saumstrasse thalein- und aufwärts zu den weidereichen Vor- und Hochalpen des Sanetschs angelegt. Die guten Leute von Savièse haben da manch sauern Gang durch dieses drei Stunden lange Thal zu machen, wenn ihr Vieh auf den fetten Bergweiden dieses Hochpasses graset.

Fast in der Mitte des Thales führt die Strasse mittelst einer soliden, wohl über einen zweihundert Fuss tiefen Abgrund kühn angelegten Steinbogenbrücke über die Morge auf den Bezirk Gundis hinüber. Laut einer Sage ist die Steinbrücke vom Satan sehr wohlfeil gebaut worden. Die guten Leute von Savièse waren nämlich sehr in Verlegenheit, an dieser schwierigen und gefährlichen Stelle ordentliche Brücken anzulegen und zu unterhalten. Satan wollte sich das zu Nutze machen und versprach eine feste Brücke in Stein und Pflaster aufzubauen, wenn die erste Kreatur, die darüber gehen werde, ihm als Lohn eigenthümlich zufallen solle. Der Antrag wurde angenommen, die Brücke vom Satan gleich aufgemauert und für den allgemeinen Verkehr offen erklärt.

Um die neugebaute Brücke in Augenschein zu nehmen, veranstaltete man eine grosse Prozession, an deren Spitze sich der Pfarrer selbst stellte und der sich fast alles Volk anschloss. Satan rieb sich die Hände und hüpfte vor Freude, als er die Masse Volkes herankommen sah und voran den wohlbeleibten Pfarrer selbst, auf den er schon lange einen Zahn gehabt, weil er ihm so manche Rechnung durchkreuzt hatte. Alle Mühen des schweren Brückenbaues waren vergessen. Aber o weh! Bevor der Pfarrer seinen Fuss auf die Brücke setzte, zog er schnell unter seinem weiten Mantel eine alte Katze hervor und jagte sie hinüber. Ausser sich vor Wuth wollte der betrogene Schwarze die Brücke wieder einreissen, aber des Priesters Segen schützte sie vor seinem Grimm und der Erbauer liess seine Rache an einer unschuldigen Kuh aus, die er am Schwanz ergriff und in den Abgrund schleuderte.

H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882

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