Die Hexe in den Bächen
In den Bächen am Fusse des Riffelberges hauste ehedem eine Hexe ziemlich arg. Mit einer weissen Schürze schlug sie hoch oben auf dem Riffelberg auf den Boden und setzte damit auch im Sommer verschiedene Lawinen in Bewegung, die dann donnernd von den Höhen hinabstürzten, in der Ebene alles verwüsteten und so dem Landmanne manchen Kummer verursachten und viele Thränen entlockten. Dieses unheimlichen Treibens überdrüssig, machte man Anstalt, die Hexe einzufangen. Man dachte einen Zeitpunkt aus, wo die Hexe gänzliche Sicherheit hoffen konnte. Sie muss jedoch von einer ihr drohenden Gefahr etwas gemerkt haben; allein zu spät, denn sie hatte nicht mehr Zeit, sich aus dem Hause zu flüchten. Was that selbe? Ein fein ausgedachter Betrug sollte sie noch retten. Sie zog den Rosenkranz hervor und fing hinter dem Ofen laut an zu beten. In dieser Stellung traf man sie an; sie rief den Eintretenden die Worte zu: "Ihr findet mich an einem guten Werke!" Nichts desto weniger wurde sie ergriffen, auf einen Schlitten festgebunden und das Dorf hinabgeschleppt, um der Obrigkeit ausgeliefert zu werden. Unterwegs bat sie die Häscher, man möchte ihr erlauben, die Schuhriemen wieder festzubinden, so sich aufgelöst hatten. Zum Glück verweigerte man ihr dies, denn man hätte es theuer bezahlen müssen. Die Hexe bekannte vor dem Feuertode, wäre ihr dies erlaubt worden und hätte sie mit ihren Füssen die Erde nochmals berühren können, so hätte sie Kraft bekommen, ihren Händen zu entwischen; ja sie hätte mit ihren scharfbenagelten Schuhen ihnen nicht nur die Zähne eingeschlagen, sondern die Schädel zerschmettert.
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch