Mutabor Märchenstiftung

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Die Hexe von Lauterbrunnen

Land: Schweiz
Kanton: Bern
Kategorie: Sage

In Lauterbrunnen lebte vor vielen Jahren eine Frau, welche im Geruche der Hexerei stand. Besonders fiel es auf, dass sie nur eine einzige, noch dazu schlechte Kuh besass und doch täglich eine grosse Menge Nidel zu Butter schlug. Anfänglich meinte man, sie melke die Kühe ihrer Nachbaren durch einen in ihrem Stalle aufgehängten Axthalm, wie dies die Hexen gewöhnlich zu thun pflegen; aber man sah sie nur selten dort, und so musste sie denn ein anderes Mittel haben, um zum fremden Gute zu gelangen. Da unternahm es ein alter Schuhmacher, sie auszukundschaften. Er begab sich zu ihr, da sie gerade wieder Nidel schlug und liess sich in ein Gespräch ein. Als sie bald darauf nach Verabredung durch eine Verbündete des Schuhmachers abgerufen wurde, schaute dieser in das von der Frau sorgfältig verdeckte Fass und entdeckte darin ein wie ein Brief zusammengelegtes, ganz mit Nidel überzogenes Stück Papier. Schnell ergriff er es und steckte es wie es war, in seine Hosentasche. Als nun die Hexe zurückkehrte und sogleich wieder Nidel schlug, strömte plötzlich eine grosse Masse desselben aus der Tasche des erschrockenen Schuhmachers heraus, der sogleich den Brief entsetzt von sich warf. Kaum gewahrte dies die Frau, so errieth sie auch den Zusammenhang, wurde vor Zorn puterroth im Gesicht und rief drohend: "Das sollt ihr mir nicht vergebens gethan haben!" Einige Zeit darauf wurde der Schuhmacher unversehens von einer bösen Hautkrankheit befallen und zwar an einem gewissen Körpertheil, so dass er gar nicht mehr auf dem Dreibein sitzen konnte. So rächte sich die Hexe von Lauterbrunnen.

So sehr man nach dieser Geschichte das Weib auch fürchtete, so unterrichtete man doch im Stillen ihren Mann von dem Vorfall. Er wollte die Sache nicht glauben, da sein Mareili sich gut gegen ihn benahm und ihre Bosheit schön zu verstecken wusste; dennoch beschloss er, nachzuforschen. Wenn er des Abends bei ihr sass und mit ihr plauderte, sprach er fortwährend davon, dass es doch gut sei, wenn man zaubern könne, da man dann nicht Noth leiden müsste; fände er jemand, der ihn unterrichten wollte, pflegte er zu sagen, so würde er das Anerbieten gewiss nicht zurückweisen. Endlich liess sich die Frau durch diese List fangen und erklärte nach einigem Zögern, dass sie eine Hexe sei und ihn gern unterweisen wolle. Der Mann ging sogleich auf den Vorschlag ein. In der folgenden Nacht um zwölf Uhr führte ihn die Hexe auf den Hof, stellte ihn hinter sich auf den Düngerhaufen und bedeutete ihm, dass er genau nachsagen solle, was sie vorbeten werde. Als der Mann dies versprochen, begann sie: "Hier stehn wir auf unserm Mist." Der Mann sprach laut und vernehmlich nach und die Frau fuhr fort: "Und verleugnen unsern Herrn Jesum Christ." Da aber rief der Mann: "Ich schlage nieder, was hinter und vor mir ist!" Und bei diesen Worten traf er die Hexe mit der Faust so heftig auf den Kopf, dass sie sogleich todt niederfiel.

H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882

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