Der Schlangenbanner zu Dottikon
Vom Dorfe Dottikon im Freiamte liegt rechts der Strasse, die nach Othmarsingen geht, und herwärts dem Steinhofe der sogenannte Hendschiker Rebhügel, östlich von diesem ist der Schauplatz folgender Erzählung:
Ein mageres Landstück von fünf Jucharten, früherhin Waldland, seit ungefähr zehn Jahren urbar gemacht, aber noch immer wie sonst in die Allmende Dottikons eingelegt, heisst der Hungerbühl. Vor mehr als zweihundert Jahren war dieses Waldstück ein Ort des Schreckens für jeden, der hier vorbei zu Feld musste; denn alles wimmelte von Schlangen. Man konnte kein Mittel ausfindig machen, diese Landplage zu entfernen. Da kam eines Tages ein Fremder ins Dorf, den man den Schlangenbanner nannte und bot den Leuten seinen Dienst unter der Bedingung an, dass sie ihm im Kampfe mit der Schlangenkönigin aufs Wort folgen und beistehen würden. Man ging darauf ein und zog schon am nächsten Morgen, bewaffnet mit Sensen, Aexten und Schossgabeln, nach dem Hungerbühl. Hier musste das Volk aus Feldsteinen Wälle kreisförmig zusammen schichten und drinnen grosse Feuer anzünden. Sobald dies alles gemacht war, begann der Fremde auf einer Pfeife zu pfeifen, und augenblicklich kamen die Schlangen, in Menge aus dem Wäldchen herausgekrochen, wälzten sich über die Steinwälle empor und fanden in den Flammen ihren Tod. Von Wall zu Wall hatte sie der Mann mit dem Ton der Pfeife gelockt. Aengstlich hatte das Volk diesem Beginnen zugeschaut. Der Schlangenbanner bedeutete sie, dass heute noch kein Grund zur Furcht vorhanden sei; kommt aber morgen die Königin, sagte er, dann wehe mir, wenn ihr nicht Wort haltet und muthig bei der Hand seid.
Am zweiten Tage loderten die Feuer abermals, eine Menge des Gewürms hatte wiederum seinen Tod gefunden, aber die Königin erschien nicht.
Kaum war man am dritten Tage zur Stelle, so wurde das Pfeifen des Banners durch ein schreckliches Gezische erwidert. "Das ist die Königin, helft!" so rief der Banner und kletterte auf den nächsten Baum. In diesem Augenblicke wälzte sich eine gewaltige Schlange zum Feuerplatze; sie war grau am Leibe und ihr Kopf mit einer Krone geschmückt. Sie richtete ihre funkelnden Augen erst auf die Bauern, dann nach dem Banner und stürzte sich nun wie ein Blitz auf den Baum, um den Mann droben zu erdrücken. Laut schrie er um Hilfe herunter, schon wollten die Leute entweichen, da fasste doch einer ein Herz, sprang hinzu und durchstach das Thier noch am Stamme mit seiner Schossgabel; dann kamen auch die übrigen und schlugen es mit Keulen vollends todt.
"Schonet der Krone!" rief der Fremde im Herunterklettern den Leuten zu. Dann brach er diese sorgfältig vom Haupte, steckte sie zu seiner Pfeife und sprach im Fortgehen unter den Segnungen der Bauern: "Liebe Leute, nun bin ich reich genug und ihr habt fortan Frieden." So wars; die Schlangen sind aus dem Hungerbühl verschwunden.
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch