Jeger-Dovi
Kaspar Zellweger nennt unter den im Jahrhundert vor der Reformation im Lande Appenzell einheimischen Geschlechtern die Jeger. Diesem gehörte ein Mann an, den die Volkssage als Zauberer erster Klasse kennt, David Jeger, in der Landessprache Jeger-Dovi. Sie weiss weder seine genaue Zeit, noch seine Heimatgemeinde zu nennen und sagt bloss, er habe in einer Epoche gelebt, wo die Schweizer bereits in fremde Kriegsdienste zogen. Er war seines Berufes ein Schreiner, sonst aber Zauberer und Geisterbanner. David hatte für seine zwölf Töchter ein kreisrundes Bett verfertigt, worin das ganze Dutzend schlief.
Damals hatte die Tochter eines Königs in Spanien ein sonderbares Uebel befallen, welches an das Besessensein erinnert. Sie war so lahm, dass sie sich gar nicht regen konnte, und die bösen Geister umflogen sie in Gestalt grosser, schwarzer Vögel, wobei sie oft ohrenzerreissend kreischten. Alle Aerzte des Landes wurden nacheinander zu der Kranken gerufen, aber keiner wusste das Uebel zu heilen oder nur zu mildern. Da liess ein unter den Schweizersöldnern dienender Appenzeller verlauten, in seiner Heimat sei einer, welcher der Prinzessin helfen könnte. Die Sache kam vor den König, der den Soldaten kommen liess und den David zu sich lud und zwar viermal; denn der Wundermann beliebte nicht vorher zu kommen, indem er dachte, die Patientin werde ihm nicht fortlaufen. Endlich machte er sich auf, und zwar in seiner Innerrödlertracht, was durch Frankreich allen Gaffern genug zu schauen gab. "Luagid ehr no, dachte David, ehr werid scho wider ufhöre."
Er kam nachts auf spanischem Boden an und in einen Wald, wo sich ihm ein einsames Wirthshaus von äusserst verdächtigem Anblicke zeigte. Durch seine Wissenschaft aber durchschaute er es sogleich und trat herzhaft ein, von einer Alten, die mit einem Mädchen allein in der Stube sass, Nachtessen, Wein und ein Bett verlangend. Es war ein Mörderhaus, die Mörder aber noch abwesend. Die Vettel brachte das Verlangte, worin aber Dovi Blut und Menschenfleisch erkannte. Er fasste die Alte so scharf ins Auge und befahl ihr, indem er sie alte Hexe nannte, so drohend, rechte Sachen zu bringen, dass sie es zitternd that. Während sie draussen war, eröffnete ihm das Mädchen, da sein Leben jedenfalls verloren sei, möge er gegen die Alte ja rücksichtsvoll sein, indem in diesem Falle ihm freigestellt bleiben werde, sich seine Todesart selbst zu wählen, welche sonst eine schreckliche sein würde.
Sowie David gegessen und getrunken, verlangte er sein Nachtlager. Die Alte wies ihm eines ohne Licht. Er aber machte sogleich hell, wo er dann ein völliges Mordgemach mit Fallthüren erblickte. Er zog das Bett vor die verschlossene Thüre, die er ausserdem mit allem Vorhandenen verrammelte, und blieb angekleidet und wach. Nicht lange, so hörte er die Mörder heimkommen, die bald die Treppe heraufpolterten, und als sie die Schlafzimmerthüre verschlossen fanden, drohend Oeffnung forderten. David hiess sie kaltblütig Geduld haben und sprach, als sie sich zum Erbrechen anschickten, eine Bannformel aus, wodurch sie augenblicklich, jeder in seiner Stellung, erstarrt dastanden.
Jetzt begab er sich hinab in die Wirthsstube, wo er die Alte, die sich zuerst hartnäckig weigerte, unter Androhung gleichen Schicksals nöthigte, ihn, mit Licht vorausgehend, in alle Gemächer und Schlupfwinkel des Hauses zu führen, wo er in einem die reichsten Schätze an Gold, Silber, Kostbarkeiten und Geld, in einem andern die schönsten und kostbarsten Waffen und Geräthe, in einem dritten Gewänder und Tücher, in andern eingesalzene Leichen, im Keller Wein und Speisen jeder Art, in einem andern frisch herabgestürzte Todte und endlich in einem Verliesse, welches ihm die Führerin sorgfältig verbergen wollte, einen Jüngling und ein Mädchen, beide von wunderbarer Schönheit, entdeckte, welche, im Walde aufgefangen, von den Mördern freiwilligen Hungertod gewählt hatten, um doch miteinander zu sterben und bereits so entkräftet waren, dass sie ihm nicht ohne Mühe eröffnen konnten, wer sie seien. Sogleich zwang David die Alte, den beiden eine Erquickung zu bringen, bannte die Hexe darauf und begab sich eilig in den nächsten Waffenplatz, wo er, so sehr man es weigerte, befahl und endlich nöthigte, den Befehlshaber, den alles zu fürchten schien, aus dem Schlafe zu wecken, und diesen, der ihn zuerst niederstechen wolle, ihm unverweilt mit einer Truppenschar ins Mörderhaus zu folgen, da der Bann mit Tagesanbruch aufhören würde, wo dann die Mörder und die Alte, die man in ihrer Erstarrung antraf, gefesselt und in die nächsten Kerker abgeführt wurden.
Nun reiste der Appenzeller in die Hauptstadt, wo er vor den König geführt zu werden verlangte, und als die Wachen ihn abwiesen, sich sogleich auf den Heimweg machen wollte, indem er ausrief: "Wenn der Chünig mi nöd brucht, i bruch ihn nöd!" als der König den Mann erblickte und als er hörte, er habe zu ihm verlangt, ihn kommen liess. Hier sah er lächelnd eine Schar der berühmtesten Aerzte, als er seinen Namen genannt und ins Krankenzimmer geführt worden, und erklärte, die studierten Herren mögen entfernt werden, damit er seinen Besuch beginnen könne.
Die Prinzessin lag todtblass und bewegungslos auf ihrem Schmerzenlager und die schwarzen Vögel erhoben, als der Mann eingetreten war, einen noch viel ärgern Höllenlärm und schlugen auf die Gequälte mit ihren Flügeln los. Sobald diese den Schweizer erblickte, sagte sie mit schwacher Stimme, dieser Mann werde sie heilen. Als David sie angeschaut, erklärte er, zur Heilung nichts zu bedürfen als zwei kohlschwarze Pferde mit weissen Ohren. Der König erschrak, denn gerade zwei solche besass er, die ihm jedoch lieber waren, als fast alles, was er hatte. Er liess zuerst im ganzen Reiche solche ausschreiben, gab aber, als diese nirgends aufzutreiben waren und er die Tochter äusserst liebte, die zwei Thiere her. David zapfte ihnen eine Portion Blut ab, liess die Königstochter in kaltes Wasser legen, dann abtrocknen und mit dem Blute waschen. Sogleich befand sich die Kranke bedeutend besser. David nahm die Kur den andern Morgen wieder vor, da die schwarzen Unholde gegen sie noch viel hässlicher und wilder thaten und ihr Befinden besserte sich noch mehr. Als sie nach der dritten Kur aufsitzen konnte, war es, als wenn die Vögel sich verzweifelnd gegen eine Wiederholung wehren wollten, aber der Zauberer blieb beharrlich, nahm die vierte vor, und die Königstochter stand auf von ihrem Lager und war gesund. Die schönen Pferde, sobald der Appenzeller sie besprach, hatten ihre frühere Kraft wieder.
Der König wusste sich vor Freuden nicht zu fassen und hätte der Tochter Wunsch, ihren Erretter, dem kein Mensch sein Alter ansah, zu heiraten entsprochen, hätte dieser nicht zu aller Staunen erwidert, solche Ehre könne ihm freilich nicht zu theil werden, da er daheim bereits ein "Froweli" und zwölf grosse Töchter habe.
Ihr Vater erklärte ihn als seinen grössten Wohlthäter, sich aber trotzdem für einen unglücklichen Vater, da vor wenig Tagen sein einziger Sohn auf räthselhafte Weise verschwunden sei. Der Zauberer meinte, auch da könne vielleicht Rath werden, wenn Seine Majestät ihn in einen gewissen Wald begleiten wolle. Sie brachen sogleich auf, nahmen auf dem Wege den Truppenbefehlshaber mit, und im Mörderhause stellte David den zwei erstaunten Männern dem einen seinen Sohn, dem andern seine ihm ebenso abhanden gekommene Tochter vor, worauf ihn beide mit Dank und Anerbietungen überhäuften. Das Volk der Umgegend wurde drei Tage lang bewirthet und dann die unermesslichen Reichthümer des Mörderhauses in die Residenz gebracht, wohin man auch das Mädchen desselben mitnahm. Die Alte und die Banditen entgingen der verdienten Strafe nicht.
Der schlichte Mann lächelte, als er Vicekönig einer schönen Provinz werden sollte und meinte, er wolle bleiben, was er bisher gewesen und lieber "dahäm wieder schrinera." Bloss ein Goldstück nahm er als Andenken an diese Begebenheit mit und begab sich, nachdem er seinen Landsmann, der ihn dem König empfohlen, und den dieser reich beschenkte, begrüsst, fröhlich zurück in seine Bergheimat.
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch