Der Zusenn auf der Taminser Alp
Vor Jahren hielten sich, erzählt man in Tamins, auf der Grossalp droben ein Senn, ein Zusenn und ein Schreiber auf. Sie hatten eine grosse Herde. Unter den Kühen war eine, die kehrte nie mit den übrigen heim und jeden Abend musste der Zusenn ihr nach und sie, oft bei Sturm und Wetter, in der ganzen Alp suchen. Dieser immer wiederkehrenden Mühe endlich überdrüssig, folgte der Zusenn einmal dem Thiere nach, als es sich wieder von der Herde entfernte. Der Weg führte an einem Abgrunde vorbei; hier legte er nasse Baumrinde über den Pfad, und als die zurückkehrende Kuh darauf trat, glitschte sie aus und stürzte in den Abgrund. Der Erboste blickte lachend hinunter, wo die Kuh zerschmettert lag und rief: "Nun darf ich dich nicht mehr suchen!" Die böse That blieb geheim. Nach dem Tode aber des Thäters fand dieser keine Ruhe. Nachts, wenn die Kühe sich gelagert und alles sich zur Ruhe gelegt, hörte man wild heulen und wimmern und sah den Zusenn sich aufmachen, die Kuh unten im Abgrund ausheben und sie keuchend hinauf wälzen, wo angelangt, sie ihm sogleich wieder entfiel, hinunter stürzte und er hohnlachend hinab schaute. Endlich bezahlte sein Vater die Kuh und der Unselige ward erlöst.
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch