Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Der Geist auf Rafgarten

Land: Schweiz
Kanton: Wallis
Kategorie: Sage

Ein Hirt von Ulrichen trat bei einigen Bauern von Obergesteln in Dienst, um im Sommer auf der Hochalpe das Vieh zu hüten. Als sich das Senten im "Staffel" vom "Rafgarten" befand, war der Hirt eines Tages fahrlässig und trieb eine Kuh, die am Rand eines Abgrundes weidete, nicht zurück. Die Kuh stürzte in die Tiefe. Darüber grämte sich der Hirt, ward krank und starb, ohne seine Schuld bekannt zu haben. Da wurde sein Geist in den Rafgarten gebannt, um seine Fahrlässigkeit abzubüssen. Denn seit jener Zeit bemerkten die Alpknechte in der Hütte das "Umghyer" (den Poltergeist). Tief in der Nacht kam es, klopfte an die Thüre, und rasselte mit den Ringen des Hirtenstabes. Bald kam die Kunde davon auch zu den Ohren der Mutter, die gleich alles aufbieten wollte, um den Geist ihres Sohnes zu lösen. Da die verunglückte Kuh einer Witwe von Obergesteln angehörte, begab sie sich zu dieser, um sie demüthigst um Erlass des zugefügten Schadens zu bitten. Aber die Witwe war hart und roh und forderte den vollen Preis der todtgefallenen Kuh. Die bedrängte Mutter brachte das schwere Opfer und zahlte die hohe Forderung. Allein was geschah? Weil sich die Witwe so hart und unbarmherzig zeigte, wurde sie doppelt gestraft; denn bald darauf verlor sie an einem Tage zwei Kühe. Der Rafgarten aber ward vom Geiste befreit.

H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch