Das Juckertuni auf dem Flöschboden
Ein Hirt, "Tuni" (Anton) mit Namen, hatte sich in der Alpe verfehlt. Was er eigentlich gethan, weiss man nicht; doch hat es den Anschein, dass er in der Hütte, beim "Turner" (d. h. auf der Stange, woran der grosse Milchkessel hängt), mit den Alpknechten lieblose und unehrbare Reden geführt hat. Der Hirt starb. Nun muss der "Tuni", den es im Leben immer "gejuckt" hat, zur Strafe seiner sündhaften Reden auf dem "Turner" hocken und sich hin- und herdrehen lassen. Aber der unheimliche Geist hat seine Unart noch nicht verlernt; er stiftet mancherlei Possen an. So quält er mitten in der Nacht die Kühe, dass sie ihre Schellen und "Trichle" (die Schellen bestehen aus gegossenem Metall, die "Trichle" sind von Eisenblech zusammengelöthet) schütteln, laut aufmuhen und brüllen und voll Angst aufspringen und davon rennen. Das Aergste dabei ist, dass man nach all diesen Umtrieben das Juckertuni nicht einmal schelten darf; denn wer es wagen würde, seiner zu spotten, würde sogleich krank werden. Schon manche, die am Turner lieblos von ihm redeten, mussten ihre Verwegenheit büssen, indem sie einen aufgeschwollenen Mund bekamen und mehrere Tage lang nicht mehr sprechen konnten.
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch