Die Jungfrau mit dem Golde
Auf der hohen Alp Russein hantierte wacker ein Senn mit seinen Gehilfen. An einem schönen Sommermorgen öffnete sich plötzlich die Thüre und herein trat eine fremdartige und doch Vertrauen erweckende Gestalt. In reichen Wellen fielen ihre goldenen Flechten über die blendenden Schultern herab; in ihren zarten Händen trug sie ein Gefäss, und in demselben funkelte flüssiges Gold. "Jeder Hirte soll davon erhalten so viel ihm beliebe, hüte sich aber, auch nur einen Tropfen zu verschütten," mahnte die Jungfrau. Zwei der Sennen waren genügsam, als sie ihr Gefäss einmal gefüllt hatten; der dritte aber, ein geiziger, habsüchtiger Mann, wollte immer mehr, strauchelte und verschüttete ein wenig vom Golde, und Gold und die segenspendende Erscheinung entschwanden den Blicken der Hirten.
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch