Das Fetzfräuli
Nesa von Brunberg, zwischen Littenhard und Rikenbach, liess sich von einem reichen Ritter von Rätenberg verlocken, ihrem Elternhause den Rücken zu kehren und ihm auf sein Schloss zu folgen, obwohl der Ritter schon verehelicht war. Die rechtmässige Gattin hatte er vertrieben. Sie lebten in Saus und Braus auf Rätenberg und jagten auf schönen Rossen und im prunkenden Kleide in der um Brunberg liegenden Fetzwaldung, wobei sie an den Fenstern ihrer elterlichen Wohnung unter Hörnerklang vorbei brausten. Das brach ihrer Mutter das Herz. Vom Sterbebette liess sie Nesen durch einen Diener zu sich entbieten. Kaum aus dem Hause getreten, vernahm dieser den Lärm der Jagd im Fetzwalde und stiess im Waldesdunkel auf einen verfolgten Hirsch, hinter ihm ein Rudel Hunde und hinter diesen den Ritter von Rätenberg und Nesa zu Pferde. Der Diener rief seine Botschaft. Nesa hielt ihr Thier an und schaute unschlüssig auf ihren Gefährten. Der aber spottet: "Bah, alte Weiber wollen alle Tage sterben und sterben doch nie. Stirbt sie, so wird sie den Himmel wohl finden; wir aber verlieren den Hirsch. Vorwärts!" Damit spornte er sein Ross, gab demjenigen, welche Nesa ritt, einen Hieb und vorwärts brauste die Jagd.
Daheim starb die Mutter unter Beten für ihr Kind, als sie die Kunde vernahm. Der Rätenberger setzte sein Sündenleben mit der Leichtsinnigen noch einige Jahre fort, bis er verarmte, seine Burg verkaufen musste und im heiligen Lande verscholl. Nesa aber sang in armer Kleidung von Halle zu Halle, bis sie erkrankte vor Noth. Da ergriff sie eine mächtige Sehnsucht, das Haus ihrer Väter noch einmal zu sehen, und den Tod im Herzen, schleppte sie sich hin bis wo am Eingange in die Fetzwaldung der Weg von Rikenbach nach Kirchbach in zwei sich theilt, aber nicht weiter. Hier hatte einst der Diener sie an der Mutter Sterbebette gerufen, und hier gab sie unter einer Tanne den Geist auf.
Und unter dieser Tanne sah nachher mancher nachts ein weibliches Wesen sitzen mit allen Zeichen der Verzweifelung. Fragte ein in der Waldung verirrter Wanderer die Gestalt um den Weg nach Wolfikon und Kirchberg, so schoss ein blitzartiges Leuchten aus ihren Augen und sie wies ihn irre, dass er stundenlang in dem Forste herumlief und sich zuweilen Krankheit und Tod holte. Deshalb warnte man Kinder, das "Fetzfräuli" ja um nichts zu fragen und nicht auf sie zu horchen. Eine fromme Seele aber errichtete an der Tanne ein Bild der Mutter Gottes, wie um den der Mutter angethanen Hohn zu sühnen.
Eines stürmischen Winterabends eilte ein achtzehnjähriges Mädchen den Fussweg von Rikenbach her. Man sah seinem ganzen Wesen Angst und Eile an. Am Eingange der Fetzwaldung hielt es stille, ungewiss welchen von den zwei Wegen weiter. Plötzlich gewahrte es unter der Tanne ein altes Weibchen, das ihm guten Abend zunickte. "Um Gotteswillen," begann das Mädchen, "wo geht man nach Wolfikon? " Das Weibchen blickte die Fragende etwas Zeit an; gerade in diesem Alter war sie gewesen, als ihr Unglück begonnen; schon wollte sie den falschen Weg weisen, als das Mädchen, ihr Hohnlächeln und das Augenfeuer wahrnehmend, beifügte: "Meine Mutter liegt im Sterben und will mir noch ihren letzten Segen geben. Weiset mich recht und wäret ihr selbst das Fetzfräuli, Gott wird es euch vergelten!" Da kam ein milderes Licht aus Nesas Augen, sie wies dem Mädchen den Weg und war erlöst.
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch