Frau Ude die Gute
In jener uralten Zeit, in der noch in den Thälern des Berner Oberlandes die Sitte herrschte, dass sich die Jungfrauen von allen Jünglingen streng zurückzogen, kam zu jedem sich folgenden Menschengeschlechte aus dem wildesten Hochgebirge eine steinalte, graue, von den Jahren gebeugte Frau, die Frau Ude die Gute hiess, und von dem Augenblick an, dass Menschen jenes Gelände bewohnten, daselbst gehaust hatte, wenn auch niemand das Obdach kannte, wo sich die Alte während der Zeit ihres Fernseins aufhielt. Frau Ude die Gute sah scharf und war an seltenen Künsten reich, ob sie schon lebenssatt, kraftlos und mehr todt als lebendig zu sein das Aussehen hatte. Geschäftig trippelte sie von Hütte zu Hütte, lud alles Hausvolk an die Thür, griff den Mädchen ans Kinn, sah sie mit blinzelnden Luchsaugen an, und endigte jedes Mal mit den Reimen:
Du, du, du, ja du!
Diesmal wieder Ruh!
Hätt ich keine funden mehr. Litt ich siebenmal so schwer.
Dann nahm sie lächelnd das Mädchen bei der Hand, zu dem sie den Spruch gesagt, und trippelte weiter, und allemal ohne zu fragen, ohne miss zu gehen, ohne zu zaudern, geradehin nach dem Hause des Reichsten und Besten und Schönsten der Junggesellen im Thale, und dem legte sie die Hand des Mädchens in die Rechte, sah ihn nickend an, und hinterliess im Herzen des Junggesellen eine Liebe voll Inbrunst zu dem Mädchen, das sie dergestalt ihm vorgeführt hatte. Und allemal war eine glückliche Ehe zwischen den beiden. Das gesamte Thalvolk jubelte, jedermann lud sich zur Hochzeit ein, und niemals hat irgend ein Vater, irgend eine Mutter die Wahl der Frau Ude für Sohn oder Tochter abgelehnt; denn jedes Mal war das Mädchen als die Reinste unter den Reinen im ganzen Thalgelände erfunden, der Jüngling als der Beste von den Besten.
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch