Die Todtenprozession
An einer Temperzeit hörte ein Mann aus Emd vor Mitternacht dreimal seinen Namen rufen mit dem Befehl, er solle schnell aufstehen und hinaufgehen in den Schleif, um das Holz, welches er da gefällt habe, aus dem Weg zu räumen; denn die Todtenprozession müsse diese Nacht dort ihren Durchzug halten. Deutlich erkannte er in dem Rufe die Stimme seines unlängst verstorbenen guten Freundes. Beim dritten Rufe öffnete er das Fenster und sprach, er habe es verstanden und werde sogleich hinaufgehen. Wie er eben die Arbeit zum Theil schon vollbracht hatte, vernahm er wieder die gleiche Stimme: "Eile, eile und stelle dich schnell ob den Weg!" Er strengte alle Kräfte an, damit schnell aufzuräumen. Da hörte er von der Kirche heraus zwölf Uhr schlagen und bei dem letzten Glockenschlage ein starkes hohles Brummeln wie von zahlreichen Betenden einer Prozession. Wie er aufsah, erblickte er einen ungeheuer langen schwarzen Zug daherkommen. Als die letzten Holzstücke entfernt waren, blieb ihm kaum Zeit ob den Weg zu springen, so nahe war der Vortrab. Bis die Todten vorüber waren, dauerte es drei lange Glockenstunden.
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch