Der Gesang des Todtenvolkes
Müde von der Jagd und von der Nacht überfallen, suchte ein Jäger mit einer erlegten Gemse in der Hütte der Alp Obernovai Schutz vor dem herannahenden grausen Unwetter. Es war Spätherbst und die Hirten längst schon von der Alp gezogen. In der Hütte machte er Feuer an und nahm von dem mitgenommenen Vorrathe Speise und Trank zu sich, legte sich dann auf die Pritsche und seinen Stutzer neben sich. Er mochte eine gute Weile geschlafen haben, so hörte er die Kellerthüre aufgehen und gewahrte nun drei grosse Männer in Alpkleidern und Holzschuhen aus dem Keller herauskommen.
Die drei setzten sich auf Melkstühle um das Feuer herum, stopften die Tabakspfeifen und zündeten sie an. "Wenn es allen brennt, so gehen wir," sagte der eine; "wenn die Pfeifen leer sind, so singen wir," erwiderte der zweite; "wenn wir singen, so kommen sie," fügte der dritte hinzu.
Nun brannte bei allen der Tabak. Sie nahmen den Melkeimer, und gingen vor die Hüttenthüre hinaus. Nach einer Weile waren ihre Pfeifen leer geworden, und sie sangen dreistimmig mit wehmüthiger, kläglicher Stimme einen wohlbekannten Psalm.
Wie sie eine Zeitlang gesungen hatten, hörte der Jäger auch von weiter her singen, und aber denselben Psalm. Das Singen kam immer näher, bis den Jäger däuchte, es sei eine grosse Gesellschaft vor der Hütte versammelt, immer und immer den gleichen Psalm singend.
Wieder nach einer Weile, so um Mitternacht, zog das Volk langsam weiter, immer singend, bis der letzte Ton in der Ferne verhallte. Am Morgen fand der Jäger alles genau so, wie er am Abende zuvor es angetroffen hatte, und alle Holzgeschirre sauber und blank, an Ort und Stelle. Er hatte den Gesang des Todtenvolkes gehört.
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch