Die Pestleutchen
Zur Zeit der Pest in Bünden schlichen zwei alte kleine gespenstige Wesen, ein Männlein und ein Weibchen durch den Felsenbach (Clus) hinein ins Prätigau. Das Männlein trug eine Schaufel, das Weiblein einen Besen.
Wie sie so ins Thal hineinschauten, sagte das Männlein: "Ich gehe hinauf in die Berge und schaufle herab, du fegst im Thale!"
In Pradisla kehrten sie im Wirthshause ein, um zu übernachten. Es war dies ein sonderbares Pärchen; er trug in der einen Hand einen gewaltigen Bergstock, auf der Achsel ruhte die Schaufel. Das Weibchen trug einen Besen; unter ihrer zerknitterten Florkappe hervor liessen die tiefgefurchte Stirne und schneeweisse Locken sich sehen. Sie baten den Wirth um Imbiss und bescheidenes Lager.
Am Morgen nahm der Wirth den guten Alten nichts ab, sondern betrachtete es als Christenpflicht, dem Alter Wohlthat zu erweisen. Wie aber das seltsame Paar vor seinem Weggehen für den folgenden Mittag ein Festessen für mindestens dreissig Personen bestellte, kam das Erstaunen ihn an.
Die beiden Alten gingen ihren Weg, das Männlein nach Valseina hinauf, das Weiblein nach der "Schlossbruck" (Felsenbach, Clus), kam aber bald wieder mit ihrem Besen zurück.
Ohne zu säumen, schlachtete der Wirth ein fettes Kalb; und nun ging es an ein Sieden und Braten, dass es eine Art hatte. Schlag zwölf kam auch das Männchen mit der Schaufel herangehumpelt und meinte, heute habe er schon tüchtig geschafft. Der Wirth schien das Männlein zu fragen, wann denn die Gäste kämen, indem er über deren Ausbleiben ganz verwundert war. Das Männlein aber gab, eigenthümlich lächelnd, Weisung zum Auftragen.
Das wunderliche Pärchen setzte sich hin und verschlang mit unnatürlichem Heisshunger ein Gericht nach dem andern, bis das ganze Gastmahl aufgezehrt war. Dabei schienen die zwei unheimlichen Gäste immer blasser und abgezehrter zu werden. Den Wirth und seine Frau überlief es eiskalt. Das konnte unmöglich mit rechten Dingen zugehen.
Nach der Mahlzeit fragte das Männlein, mit einem Seitenblick auf das Weiblein, den Wirth nach der Schuldigkeit. Der aber erkannte nun, dass er es hier nicht mit Menschen, sondern mit Geistern zu thun habe, und schlug jede Bezahlung ab.
"Wir werden deine Freigebigkeit lohnen," sagten die Alten. Das Männlein fügte hinzu: "Ich schufla aba, du fügst zämma." Damit verschwand das unheimliche Paar.
Kaum aber waren sie fort, kam Kunde ins Haus, wie in Valseina die Pest ausgebrochen und schon viele daran gestorben seien. Bald darauf kam von Seewis herab gleicher Hiobsbericht.
Und es vergingen nicht zwei Tage, so wüthete die Pest im Prätigau zu Berg und Thal. Ueberall klopfte der Würgengel an; wenige Häuser blieben verschont; ganze Familien, ja ganze Dörfer starben aus. Statt des frohen, regen Lebens herrschte allerorts Todesstille; überall war Trauer. Einzig der Wirth in Pradisla und all die Seinen blieben von der Pest verschont. Und jetzt wusste derselbe, wen er vor einigen Tagen beherbergt hatte: es waren die Pest-Leutchen gewesen.
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch