Mutabor Märchenstiftung

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Leidenberg

Land: Schweiz
Kanton: Aargau
Kategorie: Sage

Wo die Pfaffneren, ein kleines Nebenflüsschen der Aare, den Boowald verlässt und in den Gemeindsbann von Vordemwald tritt, erhebt sich ein ziemlich grosser Hügel, welcher den Namen Heidenberg trägt. Er ist von drei Seiten vom Boowald umgeben, an seinem Fusse fliesst die Pfaffneren hin, in deren Thälchen die Strasse von Zofingen nach Langenthal führt. Auf der Höhe des Hügels geniesst man eine sehr schöne Aussicht auf einen grossen Theil des Juragebirges, die schönste in jener ganzen Gegend. Darum und seiner Fruchtbarkeit wegen hiess dieser Hügel früher der "Freudenberg"; sein jetziger Name Leidberg ist ihm aber aus folgendem Grunde beigelegt worden.

Vor sehr langer Zeit, als noch diese ganze Gegend mit so ungeheuren Waldungen bewachsen war, dass sich der Boowald von Zofingen bis nach Langenthal und von der Aare bis über die Luzerner Grenze erstreckte, wo nur hie und da auf einem Hügel ein Jägerhaus oder im Thale an einem Weiher eine Fischerhütte stand, da brach im Lande eine grosse Theurung aus und drang auch in diese Wildnis. Ein armer Fischer mit seiner Familie litt grosse Noth. Er hatte drei kleine Kinder, die den ganzen Tag nach Brot schrieen; sein Gewerbe, das ihn schon in guten Zeiten nur kümmerlich nährte, trug ihm jetzt gar nichts ein, in der Stadt Zofingen wollte niemand seine Fische kaufen. Darum schickte er seine Kinder Tag für Tag in den Wald, um Beeren zu sammeln.

So waren sie auch einmal an einem Sonntage nahe vor der Erntezeit ausgegangen, um Erdbeeren zu pflücken. Da sie aber nicht den gewohnten Weg einschlugen, verirrten sie sich und kamen an einen ihnen nicht bekannten Bach, und da sie diesem folgten, gelangten sie an den Fuss eines Hügels, an dessen Abhang sich ein grosses, beinahe zur Ernte reifes Kornfeld ausbreitete. Es war der Freudenberg, das einzige bebaute und fruchtbare Stück Land im Umkreis von mehreren Stunden. Die Kinder waren sehr hungrig und fingen an Aehren auszuraufen und zu essen. Allmälig vertieften sie sich mehr und mehr in das Kornfeld, so dass sie endlich ganz verirrten und trotz aller Bemühungen keinen Ausgang mehr finden konnten. Sie waren sehr müde, legten sich zusammen auf den Boden und schliefen bald ein. Der Vater verwunderte sich über ihr langes Ausbleiben, ward besorgt und suchte sie mit noch ein paar Fischern im ganzen Boowalde herum, aber vergebens. Er glaubte endlich, sie seien von wilden Thieren gefressen worden. Als aber nach etlichen Wochen jenes Kornfeld geschnitten wurde, fand man die Leichen der drei Kinder bei einander liegend und schon der Verwesung nahe. Deswegen erhielt der Freudenberg den Namen "Leidenberg".

H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882

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