Der blutende Knochen bei Gaden
Nicht weit von Baden liegt an der Mellinger Strasse eine Sägemühle. Zwischen ihr und dem nächsten Berghange ist die Wiese mit den zwei sonderbaren Grasringen, die ineinander liegen und zwischen denen das Gras immer grösser und grüner steht, als innerhalb und ausserhalb. Ein mürrischer Knecht pflügte hier einst und warf nach dem heimatlosen Knaben mit einer Erdscholle, der ihm vorn die Stiere nicht genug lenken konnte. Gegen Vermuthen sank der Knabe augenblicklich auf den Wurf zusammen und blieb todt. Der Knecht vergrub ihn da und konnte daheim das Ausbleiben des Jungen glaubhaft genug darstellen. Letzterer galt als entlaufen und wurde vergessen. Manches Jahr hernach schnitt der Knecht auf demselben Felde Getreide.
Die Rede der Arbeiter war auf das Sprichwort gerathen, nichts sei so fein gesponnen, was nicht endlich an die Sonne komme. Der Knecht wollte von dessen Zutreffen nichts glauben und meinte, es möge wohl auch auf dieser Wiese schon manches geschehen sein, was die Sonne noch nicht an den Tag gebracht habe. In solchen Reden schnitt er mit der Sichel tiefer in den Boden und traf einen daliegenden mürben Knochen. Augenblicklich fing dieser zu bluten an. Vergebens wischte er die Sichel ab, deckte den Knochen mit Erde und gab vor, sich selbst geschnitten zu haben. Aus dem morschen Knöchlein hervor brach vor aller Augen so vieles Blut, dass der Bursche endlich selbst seine Mordthat bekannte, die er hier vor langem verübt hatte, und dem Richter übergeben wurde. Man liess ihn enthaupten und auf diesem Ackerfelde verscharren.
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch