Mutabor Märchenstiftung

Fachwissen, Kompetenz, kulturelle Vielfalt

 

 

Der todte Mann im Fussweg

Land: Schweiz
Kanton: Luzern
Kategorie: Sage

Es war die Nachmittagsstunde in der Erntezeit, und die Grossmutter hatte gerade den Schnittern das Brot zum Abendtrunke in den Handkorb gepackt, als ein hausierendes Lebkuchenmädchen bei ihr eintrat, und da man ihr nichts abkaufte, um ein Nachtlager bat. Die Hausfrau schlug es ihr nicht ab, hiess sie aber mit heraus aufs Feld kommen zum Garbenlegen. So erreichten sie beide, das Mädchen und die Grossmutter, den schmalen, ersten Fusssteig, achtsam, kein Gräschen zu beiden Seiten niederzutreten. Die Grossmutter, welche hie und da eine Frage an das Mädchen richtete, schritt bedächtig voran, das Mädchen folgte ihr und antwortete ihr höflich und trug dienstfertig den Handkorb auf dem Kopfe. "Nun, wohin denn? dahin geht ja der Weg," sagte die Frau, als sie einmal nach dem Krämermädchen umblickte und gewahrte, wie dieses den Fussweg verlassen hatte und weitaus über einen Acker wollte. "Ach!" schrie das Mädchen, "habt Ihr den Mann nicht gesehen? Wie habt Ihr doch über ihn hinschreiten können? Mich hat es vor Grausen auf die Seite gedrückt; dort hinter Euch im Fusswege liegt er wie todt!" Die Frau sah zurück und rief: "Herr Jesus Gott!" und besegnete sich, denn sie sah nun wirklich einen Mann im Steige liegen, über den sie eben wie blind hinweggeschritten war. "Den Mann da muss ich wohl kennen," sprach sie dann gefasster, "den hat mir mein Grossvater oft beschrieben, und gerade so sieht der aus. Wie liegst du jetzt noch hier, du schlechter Mann! Wie er heisst, darf man nicht aussprechen; aber dort auf dem Acker hat er seinen Nachbar mit der Spatenschaufel erschlagen und ihm das Gut gestohlen, und niemand hat nur einen Mucks thun dürfen, denn er war Meister im Dorfe. Bewahre uns der Herr vor solchem Greuel! Lass uns gehen, denn es hilft nichts, Erde auf ihn zu werfen."

So erzählte dasselbe Lebkuchenmädchen nachher in der Nachbarschaft die Begebenheit weiter.

H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch