Mutabor Märchenstiftung

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Der heilige Lucius und die arme Witwe

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Kategorie: Legende

Im zweiten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung lebte in England ein mächtiger und reicher König, Lucius war sein Name. Als er den Thorn bestieg, beugte er seine Kniee noch vor den stummen und blinden Götzen der Heiden. Zu Christus bekehrt, legte er Krone und Scepter nieder und ergriff den geistlichen Hirtenstab. Die Vorsehung führte ihn nach Rätien, dessen Bewohner noch im Schatten des Todes sassen.

Eines Tages ruhte der Glaubensbote am Fusse des steilen Falknis von seiner mühsamen Wanderung aus. Hier gewahrte er eine arme Witwe, welche keuchend und schweisstriefend auf einem Wägelchen Holz zur Anhöhe empor zog. Von Mitleid ergriffen, ging der Mann Gottes behende in den nahen Wald und kehrte nach wenig Minuten mit einem Bären zurück, den er vor das Wägelchen spannte. Unterwegs machte er dann die arme Frau mit dem treuen Vater im Himmel bekannt, welcher sich der Witwen und Waisen erbarmt.

Auf der Höhe angelangt, die von ihm den Namen Luzisteig erhalten hat, liess Lucius seine Stimme weit in den Schoss der rätischen Alpen hinein erschallen, und gewann dem Herrn viele Seelen. Der fromme Mann musste jedoch seine Liebe zu den Brüdern und seine Treue zum Heiland mit seinem Blute bezahlen. Der römische Statthalter liess ihn zu Chur enthaupten.

H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882

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