Der ewige Jude
Ein unruhiges Wesen, halb Mensch, halb Gespenst, kam eines Tages, als es schrecklich regnete, an den Platz in Savien und wurde dort gastfreundlich in ein Haus eingeladen.
Die Frau des Hauses stellte einen Sitz vor das Herdfeuer, damit er seine Kleider und sich selber an der Wärme trocknen könne. Da sie aber am Käsen war, bot sie ihm Molken an, die war aber siedend heiss.
Der Ruhelose schüttete oder warf vielmehr das heisse Getränk von einer Gebse in die andere, fieberhaft rasch und zitternd, aber so kräftig, dass der Molkenstrahl hoch auf bis ans Dach des Hauses flog, von wo er wieder in die Gebse zurückfiel, ohne dass dabei ein Tropfen verschüttet wurde. Darauf trank er die Milch und stürzte gleich hernach wieder zum Hause hinaus.
Den Leuten grauete es; sie schauten ihm nach und sahen, wie er so schnell, als würde er vom Sturmwinde getragen, durchs Thal hinein jagte und drinnen die hohe Bergwand hinanklomm, bis sie ihn nicht mehr sehen konnten.
H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch