Mutabor Märchenstiftung

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Das Zittern der Espe

Land: Schweiz
Kanton: Wallis
Kategorie: Sage

Als ich einst bei einigen schlanken und hochgewachsenen Espen vorüberging und dem seltsamen Zittern ihres Laubes, das bei dem geringsten Luftzug immer in eine rauschende Bewegung geräth, zusah, sagte ich zu einem alten Manne, der mein Begleiter war: "Das ist doch ein seltsamer Baum, während die übrigen Bäume in der Nähe ganz ruhig stehen und kein Blatt sich daran bewegt, zittert dieser immer." "Dies kommt," erwiderte mein Begleiter, "vom Fluche Gottes her; denn aus dem Holze der Espe soll das Kreuz, an welchem unser lieber Heiland gestorben, gezimmert worden sein. Alle Geschöpfe haben mit seinem bittern Tode Mitleiden gehabt; die Sonne bedeckte ihr Angesicht, die Felsen zerspalteten, die Erde erbebte, die Todten kamen hervor, ein Heide rief aus, wahrhaftig, der ist Gottes Sohn. Aber die Espe hatte kein Mitleiden, da er an ihrem Holze seufzte, litt, zitterte und starb. Darum hat der göttliche Heiland sie verflucht: "So wie ich an deinem Holze in der dreistündigen Todesangst zitterte, so sollst du, so lange ein Baum von deiner Art irgendwo auf der Welt ist, auch immer zittern, zum schrecklichen Gedenkzeichen." Darum zittert die Espe immer so sehr.

H. Herzog. Schweizer Sagen für Jung und Alt dargestellt, zweiter Band, Aarau 1882

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch